Salome mit dem Johanneshaupt, Foto von Bettina Rheims, Paris, April 1997, C-Print auf Aluminium. - © Ethno-Expo/Zürich
Salome mit dem Johanneshaupt, Foto von Bettina Rheims, Paris, April 1997, C-Print auf Aluminium. - © Ethno-Expo/Zürich

Im Rahmen der Ausstellung "Weibs-Bilder. Frauenträume und Lebensziele" auf Schloss Halbturn sind noch bis zum 26. Oktober mehr als 150 Artefakte von 12 unterschiedlichen Frauenrollen zu sehen.

Die Bilder und Skulpturen stellen nicht nur einen repräsentativen Querschnitt historisch wirkmächtiger Frauen und ihrer mythischen Pendants dar, sondern vernachlässigen auch die Frau als Alltagsheldin, Arbeiterin und weltlich Tätige nicht. Angesichts der großen Anzahl an Artefakten mag die Auswahl durch Ausstellungskurator Frank Beat Keller nahezu beliebig erscheinen. Nichtsdestotrotz bleibt inmitten des bunten Sammelsuriums ein roter Faden erhalten: In zwölf Kapiteln werden unterschiedliche Frauenrollen mit Bezug auf ihre gesellschaftliche Brisanz thematisiert.

Objekt des Schreckens

Beim Durchblättern des umfänglichen Ausstellungskatalogs sollte es die Betrachter nicht verwundern, wenn sie in der Rubrik der "sachkundigen und engagierten Frau" neben einem Bildnis der französischen Befreiungsikone Jeanne d´Arc die Fotografie der deutschen Journalistin und späteren Terroristin Ulrike Meinhof erblicken. Interkulturalität und Eklektizismus sind durchaus erwünscht, erklärt Ko-Kuratorin Ursula Wirtz im Vorwort des Katalogs. Dementsprechend durchlässig sind auch die Übergänge zwischen den in einzelnen Kapiteln abgehandelten weiblichen Rollen gestaltet: Die Berührungspunkte zwischen Mutter, Tochter, Träumerin, Naturverbundener, Schöner, Gefährtin, Hüterin des Feuers, Dienerin, Mächtiger, Engagierter und Weiser sind so zahlreich, dass biographische Konversionen von einem ins andere Register vorstellbar sind: "Das Buch lädt Frauen dazu ein, immer wieder selbst zu entscheiden, welche Rolle zu ihnen passt, und wie sie verschiedene Rollen in ihrem Alltag kombinieren möchten."

Aufsehenerregend ist vor allem das Verwandlungspotential einer Frauenfigur, die zur Protagonistin der gleichnamigen Oper von Richard Strauss wurde. Die Figur der Salome hat auch die französische Fotografin Bettina Rheims inspiriert. Im Rahmen ihres I.N.R.I.-Zyklus versucht sich die durch Akt- und Glamourfotografien bekannt gewordene Gegenwartskünstlerin in biblischen Sujets. Sie zeigt die jugendliche Salome mit strengem Blick und entblößter Brust. Erst auf den zweiten Blick registrieren die Betrachter, dass sich im unteren Bildrand ein blutverschmierter Männerkopf befindet, der auf einem Tablett drapiert ist. Von der nackten Brust gleitet der Blick unversehens zum Objekt des Schreckens: Es ist der auf Wunsch Salomes abgeschlagene Kopf von Johannes dem Täufer, der die Scham der jungen Frau verdeckt.

Verführerin des Stiefvaters und Dienerin der Mutter: Salomes im Tanz dargebotene Grazie veranlasst Herodes dazu, seiner Stieftochter die Erfüllung eines beliebigen Wunsches zu versprechen. Salome folgt der Einflüsterung ihrer Mutter und fordert die Enthauptung von Johannes dem Täufer.

Tötungswunsch der Mutter

Der am Hofe umherschweifende Freund des Vaters muss für die Kritik an der ehelichen Verbindung mit seinem Kopf bezahlen. Mit der Enthauptung des Johannes geht nicht nur die Stärkung der Bande zwischen Mutter und Tochter einher; nachdem Salome den Wunsch ihrer Mutter erfüllt hat, hat auch sie sich des letzten Kritikers ihrer Existenz entledigt.

Der von Bettina Rheims festgehaltene Augenblick zeigt Salome erstmals gleichermaßen als legitime Tochter ihrer Mutter Herodias und ihres Stiefvaters Herodes.

Print-Artikel erschienen am 2. Oktober 2008
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7