In der Radetzkystraße 24 in Wien-Erdberg befindet sich das originellste Nachtkaffeehaus Wiens: das Kaffee Urania. Das alte Interieur, der kunterbunte Gästemix aus allen möglichen Gesellschaftsschichten, der Wurlitzer mit seinen "Golden Oldies" und der Wirt ergeben eine Melange aus Nostalgie und Urwienertum, wie sie nur dort anzutreffen ist.

Hubert Horky, der Kaffeehausbesitzer, verweist mit Stolz auf die lange Tradition des Hauses. Bereits seit 160 Jahren fungiere das Lokal als Kaffeehaus, seit nunmehr 72 Jahren befände es sich in Horky´schem Besitz.

Seit mehr als 20 Jahren sammelt Horky mit großer Leidenschaft alte Ansichten vom Wiener Wurstelprater. Für seine Fotosammlung habe er bislang einen Geldbetrag aufgewendet, der dem Gegenwert eines stattlichen Automobils entspräche, verrät uns der Wirt. Mit den Highlights aus seiner Sammlung hat er – in Form von gerahmten Großformaten – aus seinen Gasträumen eine Art privates Pratermuseum gestaltet. Wer sich darüber hinausgehend für die Geschichte des Wurstelpraters interessiert, für den nimmt sich Hubert Horky zu nachtschlafener Stund´ gerne Zeit für ein Privatissimum, bei dem er dicke Kataloge mit historischen Praterbildern vorzeigt und wortreich kommentiert.

Einige der ausgestellten Fotografien zeigen die Rotunde, die als zentrales Gebäude der Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 errichtet wurde. Der Plan dazu stammte von dem englischen Konstrukteur John Scott Russel. Weil sich aber mehrere Berechnungen Russels als nicht zuverlässig erwiesen hatten, nahm der Chefarchitekt der Weltausstellung, Carl von Hasenauer, mehrfach Änderungen an der Konstruktion vor.

"Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand". Brand der Rotunde 1937. - © Foto: Sammlung Horky
"Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand". Brand der Rotunde 1937. - © Foto: Sammlung Horky

Zur Zeit ihrer Fertigstellung war die Rotunde immerhin der größte Kuppelbau der Welt und übertraf mit einer Spannweite von 108 Metern sogar den Petersdom in Rom. Mit seinen Monumentalportalen und der fast vier Tonnen schweren vergoldeten Kaiserkrone auf der Spitze der oberen Laterne hatte das Gebäude ein imperiales Gepräge erhalten. Mittels hydraulischem Aufzug konnte man auf das Dach der Rotunde gelangen und dort über Treppen und Steigleitern bis zur Spitze hinaufklettern, um dort die Krone aus nächster Nähe zu bestaunen und den Ausblick zu genießen.

Die Wiener hatten zunächst ein eigentümliches Verhältnis zur Rotunde. Der Volksmund titulierte sie alsbald als "Gugelhupf", auch war in der Kaiserstadt von einem "architektonischen Monstrum" die Rede gewesen.

Wiener Frühlingsfest im Prater

Eigentlich hätte die Rotunde nach der Weltausstellung, ebenso wie die anderen Ausstellungsbauten, abgetragen werden sollen. Jedoch fehlten im Falle der Rotunde die erforderlichen Geldmittel für den Abriss. In weiterer Folge avancierte die Rotunde zu einem beliebten Veranstaltungs- und Ausstellungsgebäude. Unter anderem fand hier im Jahr 1885 die legendäre Fiakerjubiläumsausstellung statt, wo Alexander Girardi sein Wiener Fiakerlied vortrug. Zum Frühlingsfest des Jahres 1887 pilgerten gar 100.000 Menschen. Ab 1921 fungierte die Rotunde als Veranstaltungsort für die "Wiener Internationale Messe", ehe sie am 17. September 1937 ein Raub der Flammen wurde.

Artikel erschienen am 27. März 2008
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7