Paul Flora: "Die Pestdoktoren auf der Piazza", 2000, Tuschfeder / graues Papier, 31,5 x 41,3 cm. - © Foto: Peter Böttcher, Galerie Seywald und Galerie Flora
Paul Flora: "Die Pestdoktoren auf der Piazza", 2000, Tuschfeder / graues Papier, 31,5 x 41,3 cm. - © Foto: Peter Böttcher, Galerie Seywald und Galerie Flora

Eine Tuschezeichnung des bedeutenden Tiroler Künstlers Paul Flora (1922 bis 2009) aus dem Jahr 2000 zeigt eine Ansammlung von "Pestdoktoren" auf der Piazza San Marco (Markusplatz) in Venedig. Der Künstler spielt hier ganz offensichtlich auf jene Schnabeldoktoren an, die sich – gemeinsam mit weiteren maskierten Gestalten – alljährlich zur Karnevalszeit in der italienischen Lagunenstadt ein Stelldichein geben.

Nachdem der venezianische Karneval vor mehr als 1000 Jahren ins Leben gerufen worden war, hatte die winterliche Festivität immer ausgelassenere Formen angenommen. Neben Tanz- und Marionettentheateraufführungen gab es Feuerwerke sowie jede Menge Gauklerdarbietungen.

Tierhatz als Faschingsvergnügen

Beliebt war in Venedig zur Karnevalszeit auch die Tierhatz, welcher übrigens von Friedrich von Schiller mit der Ballade "Der Handschuh" ein literarisches Denkmal gesetzt wurde. Ebenso wie die Bewohner anderer europäischer Städte (in Wien erinnert noch heute die Hetzgasse an das alte Hetztheater) ergötzten sich damals die Venezianer an den blutigen Darbietungen, bei denen die unterschiedlichsten Tiergattungen gegeneinander aufgehetzt wurden.

Freilich spielte beim venezianischen Karneval schon in alter Zeit die Kostümierung mit phantastischen Masken eine Rolle. Ein abruptes Ende wurde der traditionellen Faschingsfestivität bereitet, als Venedig im Jahr 1797 unter die Herrschaft Napoleons geriet. Wie überliefert ist, fürchtete sich der sonst so unerschrockene Feldherr vor maskierten Attentätern. Erst nach nahezu zwei Jahrhunderten, nämlich im Jahr 1979, wurde das alte Maskenfest von venezianischen Künstlern wiederbelebt.

Die heute so beliebte Schnabeldoktor-Kostümierung spielt auf ärztliche Gepflogenheiten in der abendländischen Pestära (14. bis 18. Jahrhundert) an. Weil die Pest rasch als hochinfektiöse Krankheit erkannt wurde, versuchten die Mediziner den Kontakt zu Pestkranken tunlichst zu vermeiden. Ein altes (in ironischer Weise auf Ärzte und Apotheker gemünztes) Pestsprichwort lautet: "Fleuch pald, fleuch ferr, kum wider spot: / Das sint drey krewter in der not / Für all apptecken und doctor" (Fliehe bald, fliehe weit weg, komm spät zurück / Das sind drei Kräuter in der Not / Für alle Apotheker und Ärzte).

"Dr. Schnabel von Rom", Kupferstich, 1656. - © Foto: Archiv
"Dr. Schnabel von Rom", Kupferstich, 1656. - © Foto: Archiv

Obwohl sich zahlreiche Mediziner beim Ausbruch von Seuchen durch Flucht in Sicherheit zu bringen trachteten, wurde eine Anzahl von ihnen dennoch von den Obrigkeiten zum Sanitätsdienst verdonnert. Wer sich weigerte, den Dienst anzutreten, durfte nach Erlöschen der Seuche in der betreffenden Stadt nicht weiterordinieren.

Schutz durch Vermummung

Die solcherart Zwangsverpflichteten versuchten sich mit allerlei Mitteln vor der Ansteckung zu schützen. Weil man glaubte, dass die Pest-Übertragung bevorzugt durch in der Luft befindliche winzige Partikel – sogenannte Miasmen – erfolge, schützten sich die Ärzte mancherorts durch Vermummung. In den Schnabelmasken befanden sich unter anderem mit Essig getränkte Schwämme, die in gasmaskenartiger Weise die gefürchteten Miasmen stoppen sollten. Die in den Händen der Schnabeldoktoren befindlichen Stäbe dienten zur Ferndiagnose, da man eine direkte Berührung der Patienten vermied.

Schnabeldoktoren wurden schon in der Frühen Neuzeit satirisch abgebildet. Deren kurioses Erscheinungsbild ist auch heute noch ein Faszinosum.

Print-Artikel erschienen am 25. November 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7