Wien. Es wird laut, schrill und bunt: Heute, Samstag, geht zum 17. Mal die Wiener Regenbogenparade über die Bühne. Unter dem Motto "Born this Way" werden rund 100.000 Menschen zur Demo rund um den Ring erwartet.

Doch wie sieht die Lebensrealität von Homosexuellen und Transgender-Personen abseits von Federkleidern und Bodypainting aus? Immerhin ist nach inoffiziellen Schätzungen jeder zehnte Wiener homosexuell oder transident. Die Stadt sei in den vergangenen 20 Jahren offener geworden, sagt Johannes Wahala, Leiter der Beratungsstelle Courage, die pro Jahr 1000 Klienten betreut. Daneben gibt es Vereine und Anlaufstellen, die Lokalszene "ist bunter und vielfältiger geworden - Wien kann sich mit Paris oder London vergleichen". Wahala führt dies auf das Engagement einzelner Politiker wie der zuständigen Stadträtin Sandra Frauenberger, sowie der NGOs zurück. "Es war ein jahrzehntelanges beharrliches Ringen", sagt Wahala.

Tatsächlich wurden Homosexuelle in Österreich noch bis vor wenige Jahren diskriminiert: Erst 1971 - als einer der letzten Staaten in Europa - hat Österreich die Strafbarkeit von Homosexualität abgeschafft, parallel dazu aber für schwule Männer ein Mindestalter von 18 Jahren eingeführt. Erst 2002 hob der Verfassungsgerichtshof den Homosexuellen-Paragrafen im Strafgesetzbuch auf. Bis 1996 galten zudem ein Vereins- und ein Werbeverbot.

2010 trat nach langen Debatten das Gesetz über die Eingetragene Partnerschaft in Kraft. Seither dürfen homosexuelle Paare ihre Verbindung amtlich machen - in den ersten beiden Jahren haben diese Möglichkeit 1138 Paare genutzt, davon mehr als die Hälfte in Wien. Für Wahala trägt das Gesetz dennoch eine "eindeutig homophobe Handschrift". Denn zahlreiche Punkte bleiben Heterosexuellen vorbehalten, etwa in Sachen Familie: Die Adoption des Kindes des Partners, die gemeinsame Adoption oder die künstliche Befruchtung (diese Regelung prüft gerade der VfGH).

Antidiskriminierung:
Wien gut aufgestellt

Wahala fordert bessere Bildungsarbeit: Denn statt akzeptiert seien Homosexuelle und Transgender-Personen in Österreich nur toleriert. Courage startet daher unter dem Motto "Homophobex - Heilmittel gegen Homophobie" eine Kampagne für mehr Akzeptanz, Respekt und Gleichwertigkeit.

Dass Wien in vielen Bereichen Vorreiter ist, davon ist auch Jo Schedlbauer von der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Wast) überzeugt. Zum Beispiel hat die Stadt bereits 2004 -also noch vor der entsprechenden EU-Richtlinie - Homosexuelle mit einem Antidiskriminierungsgesetz weitgehend gleichgestellt. So können Bedienstete der Stadt Pflegeurlaub nehmen, Gemeindewohnungen können auf Partner übertragen, homosexuelle Paare Pflegeeltern werden. Heuer legt die Wast ihren Schwerpunkt auf Transgender-Personen. Schedlbauer beklagt, dass Transgender in internationalen Diagnosekatalogen als psychische Krankheit gilt. "Transgender-Personen sind aber nicht psychisch krank, sondern so gesund wie alle anderen auch." Nachsatz: "Außer sie werden depressiv, weil sie diskriminiert werden." In Sachen Anfeindungen werde die Situation aber "langsam besser".

Das sieht auch Ewald Widi, Ehrenpräsident von "Gay Cops Austria", der Vereinigung der schwulen und lesbischen Polizisten, so. "Als Schwuler oder Lesbe braucht man in Wien keine Angst haben, aber wenn etwas passiert, dann muss man den Mut zur Anzeige haben." Viele in der Community würden sich vor einem Outing fürchten und deshalb nicht zur Polizei gehen, wenn sie etwa in einem Homosexuellen-Lokal ausgeraubt werden. Generell sei die homophobe Gewalt in Wien im Vergleich etwa zu Berlin verschwindend gering. Was die Polizei-Kollegen betrifft, müssten da und dort noch Vorurteile abgebaut werden. Im Dienst sehe er aber keine Diskriminierung. "Ich gehe ja nicht mit der Federboa auf Streife", sagt Widi. Aber vielleicht am Samstag auf den Ring.