Michael Cramer. Foto: Krieger
Michael Cramer. Foto: Krieger

So fällt ihm zu Berlin ein für Wien wenig schmeichelhafter Vergleich ein - nämlich was die künftige Wegstrecke zwischen U-Bahn (U1) und den Hauptbahnhof-Bahnsteigen betrifft: "Wir haben in Berlin einst 40Millionen D-Mark (20Millionen Euro, Anm.) in die Hand genommen, nur damit dieser Weg um 150 Meter kürzer wird und man mit dem Lift direkt zum Bahnsteig kommt." Der beabsichtigte Abstand in Wien mit rund 440 Metern sei jedenfalls deutlich zu groß: "Da wird eindeutig am falschen Platz gespart. Das, was jetzt gebaut wird, gilt dann ja die nächsten 100 bis 200 Jahre", mahnt Cramer. Dass aber zugleich über teure Zusatzvehikel wie eine Seilbahn ("Cable Liner") nachgedacht werde, sei für ihn "verrückt".

Erstaunt ist der EU-Parlamentarier auch über die mangelnde Verknüpfung zwischen Hauptbahnhof und Flughafen-Wien, die durch die Gleis-Umstellungen möglich werde: "Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, wenn trotz dieses Großprojekts die Reisenden dann wieder umsteigen und zu einem anderen Wiener Bahnhof fahren müssten." Er habe in dieser Sache schon mehrere Anfragen gestellt, aber stets "widersprüchliche Antworten" bekommen. Kritik kommt auch an der beabsichtigten Durchschleusung des Güterverkehrs durch die Hauptbahnhof-Halle: "Das ist nicht in Ordnung. Denn wir wissen, dass der Faktor Lärm entscheidend ist für die Akzeptanz der Bahn." Daher brauche es insgesamt auch EU-weit andere Förderschwerpunkte, mit dem Augenmerk auf leisere Zuggarnituren.

Generell plädiert der Verkehrsexperte für den Ausbau des regionalen Bahnverkehrs, denn: "Das Rückgrat der Bahn ist der Regionalverkehr. Dort sind auch die meisten Zuwachsraten zu erzielen." Daher sei etwa auch aus stiefmütterlich behandelten S-Bahn-Strecken wie der S80 in Wien viel herauszuholen, wenn man bessere Anbindungen und kürzere Intervalle (derzeit 30 Minuten) schaffe. "Ich bin dafür, dass man den ÖBB solche Strecken einfach wegnimmt und sie neu ausschreibt." Viele Beispiele würden zeigen, dass durch eine Konkurrenzsituation Fahrgast-Verbesserungen entstünden.

Mehr Straßenbahnen

Den Wiener Linien rät er, vom starren U-Bahn-Expansionskurs abzukommen, da dieser auf Jahre zu viele Mittel binde, und mehr auf Straßenbahnen zu setzen (auch zum Abbau von Buslinien): "Hier sind noch große Fahrgast-Zugewinne möglich", sagt Cramer.