Wien. "Wir sind alle Wiener Juden", betont der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien, Oskar Deutsch. Darum geht es: Wurde noch vor einigen Jahren innerhalb der Community sehr scharf zwischen Aschkenasen (Juden aus Mittel- und Osteuropa) und Sefarden (Juden aus Iberien, aber auch Zentralasien) unterschieden, "sind wir heute alle in der Mitte angekommen". Insgesamt haben mehr als 90 Prozent der Gemeindemitglieder Migrationshintergrund, sie selbst wurden oder zumindest ein Elternteil sind also nicht in Österreich geboren.

Der Anteil jener Gemeindemitglieder, die selbst oder deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion kommen, geht stetig auf die 50 Prozent zu. Diese Zuwanderung setzte in den 1970er Jahren ein. In den vergangenen zehn bis 15 Jahren gibt es aufgrund der Restriktionen im Fremdenrecht jedoch kaum mehr jüdische Zuwanderung, was die IKG-Führung bedauert und ausdrücklich beklagt. "Für uns wird das in einiger Zeit ein großes demografisches Problem bringen", betont Raimund Fastenbauer, der Generalsekretär für jüdische Angelegenheiten der IKG Wien.

An die 2500 Bucharen leben in Wien. Sie oder ihre Familien sind in den vergangenen Jahrzehnten nach Österreich gekommen. "Wir Bucharen sind Integrationsprofis", sagt Josef Sarikov, jüngst vom IKG-Vorstand zum IKG-Vizepräsidenten gewählt, nachdem seine Fraktion bei der Wahl des Vorstands im November Zugewinne verzeichnen konnte. "Wir passen uns an, nicht weil wir wollen, sondern weil wir müssen. Wir sehen erst jetzt, durch die Generation unserer Kinder, dass dieser Prozess sehr gut funktioniert hat. Unsere Kinder besuchen jüdische Schulen, erhalten eine gute österreichische Ausbildung, studieren und arbeiten ganz normal wie jeder andere in Österreich."

Zuzug aus Sowjetrepubliken war neue Herausforderung

Sarikov spricht damit auch einen innerjüdischen Prozess an. Während sich die Zuwanderer aus Ungarn, Polen, Tschechien in den Jahrzehnten nach 1945 ohne gröbere Probleme in die Wiener jüdische Gemeinde und die österreichische Gesellschaft integrieren konnten, brachte der Zuzug aus den Sowjetrepubliken durchaus Herausforderungen. Und zwar von beiden Seiten. Die Ankommenden mussten sich sowohl sprachlich als auch mentalitätsmäßig neu orientieren. Die Gemeinde hier brauchte wiederum einige Jahre, um die Neuankömmlinge zu akzeptieren - und auch zu erkennen, dass es hier gemeinsame Anstrengungen braucht, um den neuen Community-Mitgliedern in Wien eine Zukunft zu ermöglichen.