Wien. Säugling im Aufzug zerquetscht. Frau in Liftkabine erdrückt. Mann von Müllcontainer im Aufzug eingeklemmt. Diese und andere Horror-Meldungen machten in den vergangenen Jahren Schlagzeilen - und das Aufzugfahren zum neuen Risikosport.

2006 hatte die Wiener Stadtregierung genug von der "Todesfalle Aufzug" und verabschiedete ein neues Aufzugsgesetz. Ein Jahr lang hatten die Betreiber Zeit, ihre Lifte genauer unter die Lupe zu nehmen. Hat der Aufzug Fahrkorbtüren? Ist der Sicherheitsabstand zu groß zwischen Fahrkorbtür und Schachttür? Lassen sich die Türen auch ordnungsgemäß verriegeln? Gibt es überhaupt eine Notrufeinrichtung, wenn Probleme auftreten sollten und die Insassen eingesperrt sind?

Am Sonntag läuft nun diese allgemeine Nachrüstfrist aus - die Nachfrist beträgt noch weitere zwei Monate.

In Wien gibt es rund 40.000 Aufzugsanlagen. Das Nachrüsten eines Aufzugs kann von 4500 Euro - mit dem Einbau einer fehlenden Fahrkorbtür - bis zu 30.000 Euro im Fall einer Totalsanierung kosten. Wiener Wohnen, das rund 7900 Aufzüge in seinen Wohnanlagen betreut, hat sich die Gesamtsanierung bisher 35 Millionen Euro kosten lassen.

Schwere der Unfälle heute geringer als früher

Experten identifizierten als größte Gefahrenquelle die fehlenden Fahrkorbtüren. Bis 2002 gab es in Wien rund 19.000 Aufzuganlagen ohne Fahrkorbtüren. Heute sind es etwa 1000 Lifte in ganz Wien, schätzt Gottfried Jung, oberster Aufzugstechniker des Technischen Überprüfungsvereins (TÜV). "Es waren jene Aufzüge ohne Fahrkorbtüren, bei denen
es die tödlichen Unfälle gab", erzählt er. Im Schnitt starb jedes Jahr ein Fahrer, der sich in der Kabine in irgendeiner Form zwischen Fahrkorb und Schachtür eingeklemmt hatte, weil es keine Fahrkorbtür gab. Seit Inkrafttreten des neuen Aufzuggesetzes weiß Jung von keinen Fällen mehr zu berichten.

Zwar gebe es nach wie vor Unfälle, doch sei ihre Schwere weitaus geringer als in der Vergangenheit. "Wir haben jetzt mehr Unfälle bei den automatisch betätigen Fahrkorbtüren, aber das endet höchstens mit einem eingezwickten Finger oder einem blauen Fleck", sagt er.

Ein weiteres Manko, das in den vergangenen Jahren bei vielen Aufzügen behoben werden konnte, war die sogenannte schlechte "Anhalte- und Nachregulierungsgenauigkeit". Aufzüge, die nicht genau auf einer Ebene halten, sondern ein paar Zentimeter darüber oder darunter, sollten aber nun ebenso der Vergangenheit angehören.

In Sachen Notrufanlagen bei Aufzügen gilt Wien im Übrigen österreichweit als Vorreiter. 98 Prozent aller Anlagen besitzen heute eine Notrufeinrichtung, nur 700 seien noch ausständig, betont Jung.

Nach Schätzungen des Aufzugsunternehmen Otis bleiben jedes Jahr in ganz Österreich rund 20.000 Menschen in einem Aufzug stecken. Laut Gesetz muss innerhalb von 30 Minuten jemand kommen, um sie aus der Kabine zu holen. Nicht selten kommt es vor, dass sich einige Insassen in Eigenregie zu befreien versuchen. Umso wichtiger sei die Vorrichtung der Notrufanlage, um in ständiger Verbindung mit den Insassen zu sein. Mitunter auch um sie zu beruhigen, meint der Aufzugexperte.

Derzeit sind 80 Aufzüge in Wien gesperrt

Bis dato kamen nicht alle Aufzugsbetreiber ihrer Nachrüstungspflicht nach. Derzeit wurden 80 Betreiber bei der Baupolizei gemeldet, die ihre Aufzüge innerhalb der bestehenden Frist noch nicht nachgerüstet haben. Jene Aufzüge wurden vorläufig gesperrt.

"Nach dem Ablauf der Frist können wir nicht länger zuschauen", sagt Reinhold Eder, Aufzugsbeauftragter der Baupolizei. Zwar seien die gesperrten Aufzüge manchmal durchaus funktionstüchtig, nur würden sie ein Sicherheitsrisiko darstellen.

"Wenn etwas passiert, heißt es, warum hat die Behörde nichts unternommen, wir können letztendlich die Haftung übernehmen, und das wollen wir vermeiden", erklärt Eder weiter. In der Regel kommen die Betreiber ihrer Nachrüstungspflicht nach der verhängten Sperre innerhalb weniger Wochen nach. Maximal vier Monate hätte es bisher gedauert, bis sich die Verantwortlichen um die ausstehenden Arbeiten gekümmert hätten.

Parallel zur Sperre müssen die Betreiber auch mit einer Strafanzeige rechnen. Und diese kann teuer kommen. Bei erheblichen Verstößen kann die Strafe laut Bauordnung bis zu 21.000 Euro betragen.

Verschont von der Nachrüstverpflichtung bleiben Wiens Paternoster. Acht dieser Umlaufaufzüge gibt es noch in der Bundeshauptstadt. Da sie formell nicht als Aufzüge gelten, sondern als "Maschinen", die Personen befördern, müssen sie nicht nachgerüstet werden. Vorläufig.