Sein Studium schmiss Jörg "Record Shack", um als Bautechniker Geld für Platten zu verdienen. - © Puiu
Sein Studium schmiss Jörg "Record Shack", um als Bautechniker Geld für Platten zu verdienen. - © Puiu

Wien. Zehntausende Platten, es könnten auch mehr als hunderttausend sein, stapeln sich in dem kleinen Plattenladen, einem Gassenlokal im 5. Bezirk, das die Größe eines Wohnzimmers hat. Doch nicht die Menge ist das Besondere im Record Shack. Denn Inhaber und DJ Hansjörg Lauermann, alias Jörg "Record Shack", vertreibt hier hauptsächlich Northern Soul Platten. Musik einer Subkultur, die in Nordengland gegründet wurde und die man eher nicht in Wien vermuten würde.

Northern Soul ist ein Lebensgefühl, sagt Lauermann, der ursprünglich aus der Mod-Szene kommt und dort seinen ersten Kontakt mit dem Phänomen Northern Soul hatte. "Als Mod will man sich abheben, exklusiv sein. Die Abgrenzung ist wichtig für das Qualitätsbewusstsein. Bei Northern Soul ist es genauso."

Die Subkultur entwickelte sich Ende der 1960er Jahre, als DJs in Nordengland mit unbekannten R&B und Soul-Nummern eine neue Clubkultur ins Leben riefen. Für ihre Musik suchten die DJs gezielt nach raren Songs mit hart geschlagenen Beats im 4/4 Takt, die hauptsächlich aus dem Süden der USA stammten. Man sah sich dabei als Gegenkultur zur aalglatten Motown-Industrie. "Das heißt aber nicht, dass Motown-Platten nicht auch Northern Soul-Platten werden konnten", erklärt Lauermann. Denn ausschlaggebend sei das Potenzial des Songs bei gleichzeitiger Unbekanntheit. Um das Etikett Northern Soul umgehängt zu bekommen, müsse der Song aber vor allem tanzbar sein.

Jörg "Record Shack" kramt zwischen einer Vielzahl von Singles, und präsentiert stolz eine Rarität nach der anderen. "Ich bin immer schon verrückt nach Platten gewesen", sagt der DJ. Für seine Leidenschaft hat er sein Architekturstudium an den Nagel gehängt und ist stattdessen arbeiten gegangen. "Ich habe Geld gebraucht, damit ich mir Platten kaufen konnte, die ich dann am Abend aufgelegt habe. Ich bin wie ein Drogensüchtiger gewesen, der um alles in der Welt an seine Ware herankommen musste." Es scheint, als hätte sich bis heute daran wenig verändert.

Neue Ware aus New Orleans


Erst vor kurzem bezog der Plattenhändler eine Fracht von 22.000 Scheiben von einem Plattengeschäft aus New Orleans, das wegen des Hurrikans Katrina zusperren musste. Auch durch diese Kisten wird sich der Northern Soul Experte wieder durchwühlen, um einige "Floorfiller" (Tanzflächenfüller) herauszuziehen. "Ein DJ braucht immer frisches Material. Es ist wie bei einer Band. Da ist es ja auch fad, wenn die immer dasselbe spielt oder immer gleich klingt." Jörg "Record Shack" hat bei jedem Gig 30 bis 40 frische Platten im Gepäck. Für DJs, die hingegen CDs oder mp3s auflegen, zeigt er - so wie die ganze Community - kein Verständnis. "Ein Publikum, das ein bisschen Qualitätsbewusstsein hat, wird das aber sowieso nicht hören wollen." Denn abgesehen vom Sound der Platte an sich würde ein DJ, der seinen Koffer noch selber schleppt, auch mehr Kraft in seine Sammlung legen. "Der muss mehr nachdenken, was er mitnimmt, weil er nicht mehr tragen kann. Er wird daher auch besser auflegen."