Wien. Am 8. Mai 1914 erklärte der US-Kongress auf Bestreben von Frauenrechtlerin Anna Jarvis hin den zweiten Sonntag im Mai offiziell zum Muttertag. Zehn Jahre später initiierte Marianne Hainisch dessen Einführung in Österreich.

Marianne Hainisch. - © Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv
Marianne Hainisch. - © Österreichische Nationalbibliothek/Bildarchiv

Bekannt ist die Pionierin der österreichischen Frauenbewegung vor allem als Verfechterin gleicher Bildungschancen für Frauen und Mädchen und Mitgründerin des ersten Mädchengymnasiums Österreichs. Es war der Baumwollkrise als Folge des US-amerikanischen Bürgerkriegs zuzuschreiben, dass aus der 1839 in Baden bei Wien geborenen Industriellengattin und zweifachen Mutter eine Frauenkämpferin wurde. Der Mann einer bürgerlichen Freundin konnte die Familie nicht mehr ernähren, diese jedoch keine Beschäftigung finden, die "eine der sozialen Stellung des Mannes entsprechende Position" gewährte. Ihre schöngeistige Bildung sollte höhere Töchter lediglich dazu befähigen, eine gute Hausfrau, Mutter und Gefährtin ihres Mannes zu sein. Eine berufliche Ausbildung erhielten sie nicht. "Nun wurde mir plötzlich klar, daß bürgerliche Mädchen für den Erwerb vorbereitet werden müßten", schrieb Hainisch. "Ich war tief ergriffen und wurde an diesem Tage zur Frauen-Vorkämpferin."

Der 1866 gegründete Wiener Frauen-Erwerbverein trat für eine Verbesserung der Berufschancen von Frauen ein. Am 12. März 1870 brachte Marianne Hainisch dort einen Antrag "Zur Frage des Frauenunterrichtes" vor: "Die Frau soll zu jedem Beruf berechtigt sein", forderte sie. Der Verein solle bei der Stadt um Parallelklassen für Mädchen an einem der Wiener Realgymnasien ansuchen oder um die Bewilligung zur Errichtung eines eigenen Gymnasiums für Mädchen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, doch Vereinsvorstand und staatliche Stellen reagierten letztlich ablehnend. Eine "höhere Mädchenschule", über die schließlich beraten wurde, war genau das Gegenteil von Gleichberechtigung, die Hainisch hatte bezwecken wollen - denn nur die gymnasiale Ausbildung, wie sie den Buben zuteil wurde, berechtigte zum regulären Universitätsstudium.

Die Frauenbewegung breitete sich nun zunehmend aus, immer mehr Frauen schlossen sich in Vereinen zusammen. 1888 entstand der von Marie Boßhardt van Demerghel gegründete "Verein für erweiterte Frauenbildung", der wie Hainisch die Errichtung von den Knabengymnasien entsprechenden Mädchenschulen anstrebte. Der Verein arbeitete eng mit Hainisch und dem 1893 gegründeten Allgemeinen Österreichischen Frauenverein zusammen, dem Auguste Fickert, Rosa Mayreder und Marie Lang vorstanden. Nachdem von staatlicher Seite auch nach jahrelangen Bemühungen keine Unterstützung kam, bemühten sich Hainisch und Boßhardt um Mittel zur Einrichtung eines privaten Vereinsgymnasiums.

Im Herbst 1892 wurde in den Räumlichkeiten des Wiener Pädagogiums in der Hegelgasse schließlich das erste Mädchengymnasium Österreichs eröffnet. 1910 übersiedelte die "Gymnasiale Mädchenschule" in das Haus Rahlgasse 4 in Wien-Mariahilf. Es war die erste Schule des Landes, deren Abschluss Mädchen zum Universitätsstudium berechtigte. Doch nicht für alle Mädchen hatte Hainisch scheinbar das Gymnasium erkämpft: "Die Mittelschulen und Universitäten haben nur Mädchen von entschiedener Begabung zu betreten", so ihre Auffassung, die der Einstellung des von ihr vertretenen gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung entsprach.

Frauenpartei gegründet

1899 nahm Marianne Hainisch als österreichische Delegierte an der zweiten Generalversammlung des Frauenweltbundes (International Council of Women) und am Frauenkongress in London teil. Am 5. Mai 1902 gründete sie den "Bund österreichischer Frauenvereine" (BÖFV), dessen Präsidentin sie bis 1918 blieb. Als 1914 der Krieg ausbrach, folgte sie ihrer im selben Jahr verstorbenen Freundin Bertha von Suttner als Vorsitzende der BÖFV-Friedenskommission nach. Sie beteiligte sich rege an den Auseinandersetzungen um das 1919 schließlich eingeführte allgemeine Frauenwahlrecht und gründete 1929, mit bereits 90 Jahren, die österreichische Frauenpartei. Ihr Sohn Michael wurde 1920 erster Präsident der Republik.

Am 5. Mai 1936 starb Marianne Hainisch in ihrer Wohnung in der Rochusgasse in Wien-Landstraße an den Folgen einer Lungenentzündung. Bei allen fortschrittlichen Gedanken hielt die bürgerliche Frauenkämpferin doch stets an Ehe, Mutterschaft und Familie fest, ohne die bestehenden Machtverhältnisse zu hinterfragen. In diesem Punkt blieb sie ein Kind ihrer Zeit.