"Wiener Zeitung": Warum steigen die Mieten so rasant?

Gabriele Zgubic: Es gibt einen starken Zuzug, jährlich ziehen 14.000 Menschen nach Wien. Dem ist der Wohnungsmarkt nicht gewachsen. Es sollten pro Jahr 10.000 Wohnungen, davon 8000 gefördert, gebaut werden.

Was erschwert die Wohnungssuche?

Zgubic: Es gibt zu wenig geförderte Wohnungen und die Einmalkosten sind hoch: Die Kaution beträgt im Schnitt 2200 Euro, Maklergebühren 1700 Euro, die Ablöse 4000 Euro. Dazu kommt, dass oft Sanierungsarbeiten notwendig sind oder eine neue Küche angeschafft werden muss.

Was sind die Konsequenzen?

Markus Reiter: Die Zahl der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen hat sich seit 2008 von 5000 auf 10.000 Menschen verdoppelt - das hat nicht nur, aber auch, mit den steigenden Mieten zu tun. Um den Bedarf abzufangen, bräuchten wir mehr Zugang zu Wohnungen für unsere Klienten, wenn sie aus unseren Betreuungsmöglichkeiten ins eigene Wohnen übersiedeln.

2012 wurden 700 Wohnungen zur Verfügung gestellt, 600 davon waren Gemeindewohnungen. Warum reicht das nicht?

Reiter: Damit wohnungslose Menschen wieder in eigene Wohnungen übersiedeln können, braucht es zusätzlich 500 bis 700 Wohnungen pro Jahr, nicht nur Wohnungen der Gemeinde Wien, sondern auch von Genossenschaften oder Privatvermietern, schließlich machen sie zwei Drittel des Marktes aus. Aber unsere Zielgruppe wird bis jetzt nicht gesehen. Wir, die Wiener Wohnungslosenhilfe, planen dafür eine eigene Vermittlungsagentur.

Warum gibt es so wenige kleine, leistbare Wohnungen?

Reiter: Für Smart-Wohnungen braucht man nur 60 Euro Eigenmittel pro Quadratmeter. Das wäre leistbar, aber das sieht die Stadt Wien nicht vor, dass diese für unsere Klienten verfügbar sind. In den letzten 20 Jahren sind viele Mittelstandard- und Luxuswohnungen gebaut worden, aber kaum kleine, leistbare Wohnungen.

Was versteht man unter leistbarem Wohnen?

Zgubic: Nicht mehr als ein Viertel der Nettohaushaltseinkommen, ein Drittel ist schon sehr viel.

Womit wenden sich die Konsumenten am häufigsten an die AK?

Zgubic: Oft geht es um die Miethöhe bei Altbauwohnungen. Das Thema ist sehr komplex, der Mietpreis berechnet sich unter anderem je nach Lage, Lärmbelästigung bzw. Ruhelage, Raumaufteilung und Stockwerk. Im Schnitt zahlen die Mieter bei befristeten Altbauwohnungsverträgen um 230 Euro pro Monat zu viel, vor allem weil die Vermieter die 25 Prozent Abschläge für befristete Verträge nicht verrechnen.

In so einem Fall kann man die Miete einklagen. Wissen die Mieter über dieses Recht Bescheid?

Reiter: Viele wissen über die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht genau Bescheid. Und da die Verträge oft auf drei bis fünf Jahre befristet sind, befürchten viele, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird, wenn sie zur Schlichtungsstelle oder zu Gericht gehen. Viele Mieter wehren sich oft erst, wenn sie wissen, dass sie ausziehen.

Oft ist auch nicht klar, welche Rechte die Mieter und welche Pflichten die Vermieter haben.

Zgubic: Wer die Kosten für Erhaltung und Wartung übernimmt, muss neu geregelt werden. Ist die Therme kaputt, besteht ein Mietzinsminderungsanspruch, aber wenn der Vermieter sie nicht repariert, wird es der Mieter selbst tun, und dann bleibt er oft auf den Kosten sitzen.

Wie hat sich das Bild des wohnungslosen Menschen verändert?

Reiter: Sehr häufig kommen Familien, Alleinerzieherinnen und Alleinstehende zu uns. Die Menschen sind chronisch krank, haben Schulden oder sind in einer Lebenskrise. Aber es sind nicht mehr "die Verwahrlosten von der Straße". Drei Viertel kommen aus gesicherten Wohnverhältnissen.