Briefkästen in einem Haus der Gemeinde Wien. Immer öfter werden wohnungslosen Menschen Substandard-Wohnungen zugeteilt. - © Christoph Liebentritt
Briefkästen in einem Haus der Gemeinde Wien. Immer öfter werden wohnungslosen Menschen Substandard-Wohnungen zugeteilt. - © Christoph Liebentritt

Wien. Karl Meixner* zieht das T-Shirt in die Höhe und zeigt die Narben auf der Höhe seiner Rippen. Er sitzt auf einer Holzbank im Innenhof des Neunerhauses Billrothstraße im 19. Bezirk und erzählt, wie er in dem Obdachlosenheim gelandet ist. Auch die Narben sind Teil dieser Geschichte: Nach einem Autounfall wurde der 45-Jährige operiert, und danach wusste er nicht, wohin. Denn nachdem er sich seine Wohnung im Stuwerviertel im 2. Bezirk nicht mehr leisten konnte, war er delogiert worden. 20 Jahre hatte er dort gelebt, zuletzt betrug die Miete 570 Euro. Einmal hat er die Miete nicht bezahlt, da musste er aus seiner Wohnung raus.

Nun lebt er gemeinsam mit 44 Männern, Dusche und Kochnische befinden sich in den Einzelzimmern, das WC ist am Gang. "Für die Übergangszeit gibt’s nichts Schöneres", sagt Meixner, und zieht an seiner Zigarette. Bald wird er wieder in seinen eigenen vier Wänden wohnen: Soeben hat er mit der Sozialarbeiterin vereinbart, dass er um eine Gemeindewohnung ansuchen wird. Derzeit gibt es etwa 30.000 Anmeldungen für Gemeindewohnungen - laut MA 50 der Stadt Wien ist die Kapazitätsgrenze erreicht -, 2000 werden über die soziale Wohnungsvergabe vergeben.

Wohnungslose Menschen werden in den Wartelisten der Gemeinde vorgereiht: In nur einer Woche kann er die Wohnung besichtigen. Doch dies ist eher pro forma; ob man die Wohnung will oder nicht, man muss sie nehmen, sonst fliegt man für immer aus dem Vergabe-System. Aber immer öfter handelt es sich bei diesen Wohnungen um Substandard, manchmal muss die Heizung erst eingebaut werden. Können sich die Bewohner das nicht leisten, wird vorerst eben nicht geheizt. Im Neunerhaus in der Billrothstraße leben Männer zwischen 19 und 72 Jahren.

Dietmar Bayer* stand ebenfalls ganz plötzlich ohne Wohnung da: Nach der Matura begann der heute 37-Jährige mit dem "falschen Studium aus den falschen Gründen", er brach das Studium wieder ab und verlor später auch seinen Job im Elektroeinzelhandel. Aus Scham verheimlichte er die Kündigung vor seiner Familie und seiner Freundin, mit der er zusammenlebte. Er baute eine Fassade auf: Täglich verließ er das Haus, als würde er zur Arbeit gehen. Tatsächlich aber litt er unter Depressionen. Da er nicht beim AMS gemeldet war, war er nicht einmal versichert. Er lebte von seinem Ersparten, bis dieses aufgebraucht war. Als er eines Tages reinen Tisch machte, setzte ihn seine Freundin vor die Tür. Aufgefangen wurde er durch das Neunerhaus, wo er das kostenlose Psychotherapie-Angebot in Anspruch nimmt.