Wien. Der alte Holzboden knarrt bei jedem Schritt. Die Luft ist stickig und trocken. In einer fragilen Palisander-Vitrine mit Rosenholz-Furnier und mundgeblasenen, venezianischen Glasscheiben lagert ein Frauenkörper. Um ihn vor Sonnenlicht zu schützen, sind die Jalousien heruntergelassen. Am Hals liegt eine Perlenkette eng an, im blonden Haar steckt ein goldener Reifen. Sie ist in feine Seide gebettet. Ihre Augen sind leicht geöffnet, der Blick sinnlich leidend. Die rosarote Haut wirkt irgendwie lebendig. Doch der Brustkorb ist geöffnet. Lungenflügel, Lungenlappen, die Bronchien, Herz, Zwerchfell und Leber liegen frei. Die Schlagader scheint noch zu pulsieren. Die Dame wird "Venus von Wien" genannt, ist 230 Jahre alt und kommt eigentlich aus Florenz. Sie ist eines von knapp 1200 anatomischen Wachsmodellen des Josephinums, der weltweit größten Sammlung dieser Art.

Per Packesel nach Wien

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Als Kaiser Joseph II. das Naturgeschichtliche Museum "La Specola" in Florenz besuchte, war er von den menschlichen Wachsmodellen derart begeistert, dass er sofort über tausend Stück für Wien bestellte. Dem Zeitgeist der Aufklärung folgend, galt Wien in den 1780er Jahren als das wissenschaftliche und künstlerische Zentrum Europas. Umfassende medizinische Einrichtungen, wie die chirurgisch-medizinische Militärakademie - das sogenannte Josephinum - wurden gegründet. Und genau hier sollten die Wachsmodelle ihr Zuhause finden. Sie wurden in Florenz gefertigt und gelangten per Packesel über die Alpen nach Wien, wo sie den Studierenden über Jahrhunderte als Lehrobjekte dienten. "Frische Leichen waren damals Mangelware, so war es einfacher, lebensgroße Modelle zu fertigen", erklärt Moritz Stipsicz, Kurator des Hauses.

In ihrer unglaublichen Detailtreue sind die Figuren kaum von den präparierten, echten Körpern der berühmten "Körperwelten" von Gunther von Hagen unterscheidbar. Hauchdüne Nervengeflechte überziehen rote Muskelpartien. Siamesische Zwillinge liegen im trüben Fruchtwasser einer aufgeschnittenen Embryonalhülle. Die grau-braunen Windungen eines Darms quellen aus einem Frauenleib hervor, bereit für die wissbegierigen Blicke ganzer Heerscharen von Studenten. "An der Pose der Modelle erkennt man, dass sie von der  italienischen Renaissance inspiriert sind", sagt Stipsicz. "Sie sind elegant und schön, unterdrücken ein gewisses Maß an Leid aber nicht." Die Darstellung differiert stark zwischen den Geschlechtern. Während die Damen stets liegen und die inneren Organe zur Schau stellen, stehen die Herren und zeigen die Lage der Muskeln und Sehnen. Die Modelle sind irgendwo zwischen Kunst und Wissenschaft einzuordnen. "Aus heutiger Sicht sind sie sicher für Kunsthistoriker spannender als für Mediziner."