Essensausgabe und Schutz vor der Kälte für Obdachlose in der Gruft. - © Stanislav Jenis
Essensausgabe und Schutz vor der Kälte für Obdachlose in der Gruft. - © Stanislav Jenis

Wien. Es ist bitterkalt an diesem Adventmorgen. Elisa R. sitzt wie fast an jedem Tag bei der Bus-Haltestelle Brückengasse im 6. Bezirk auf dem Boden. Neben ihr liegen eine Reihe von Plastik-Tragtaschen und Stofftieren. Sie reibt sich die Hände und wühlt dann in ihrer Tasche. "Auf Mitleid kann ich verzichten", murmelt sie leise vor sich hin, als eine ältere Dame sie anlächelt und ihr Mut zuspricht.

Schließlich findet sie eine alte Tafel Schokolade und steckt sich ein Stück in den Mund. Die Kälte hat ihre Wangen dunkelrot gefärbt. Erinnern kann sie sich nicht mehr, seit wie vielen Jahren sie auf der Straße lebt. Die etwa 60- jährige Frau weiß nur, dass sie mehrmals in der Woche in die Gruft geht, um sich Essen und andere Dinge "zu besorgen".

Wie Elisa geht es vielen Obdachlosen. Sie sind oft verwirrt und nur bedingt ansprechbar. Ihre "letzte Zufluchtsstätte", wie Leopold G., einer von ihnen, es nennt, ist die Gruft. "Dort sind die Menschen noch Menschen", ergänzt er und schlendert langsam in den gut besuchten Eingangsbereich. Er kann sich nur schwer bewegen.

Ein Herz für die Ärmsten

"Diese verdammten Beinschmerzen. Aber vergessen wir das. Es riecht hier so gut nach Weihnachten. Das erinnert mich an die Zeit, als ich noch ein echtes Leben hatte. Wollen Sie auch einen Keks?", will er wissen. Dann erzählt er über seine frühere Tätigkeit als Bibliothekar. Über Goethe, Schiller und Thomas Bernhard, den er nicht ausstehen konnte. "Aber jetzt ist das alles vorbei. Jetzt bin ich froh, wenn mein eigenes Buch, nämlich mein Leben, noch ein paar Seiten länger wird, obwohl ich viel Scheiß gebaut habe", analysiert er kritisch.

In dem Betreuungszentrum der Caritas in der Barnabitengasse 14 herrscht inzwischen Hochbetrieb. Im 24-Stundenbetrieb haben 40 Mitarbeiter ein Herz für die Ärmsten in der Stadt. Neben der Grundversorgung, Kleidung, Essen, Duschen und einer Möglichkeit zum Aufenthalt im Winter bietet die Gruft auch das persönliche Gespräch mit den Betroffenen. Susanne Peter, die leitende Sozialarbeiterin der Gruft, erzählt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" über ihren Alltag. "Wir haben am Wochenende drei Mitarbeiter im Einsatz und unter der Woche mehr. Denn da gibt es auch Sozialarbeiter. Zudem unterstützen uns zwei Psychiater und drei Physiotherapeuten", erklärt sie. Denn oftmals müsse ein Trauma bei den Betroffenen bearbeitet werden, bevor Amtswege oder andere Dinge erledigt werden können, so Peter weiter.