Wien. Tippt man in der Google-Suchleiste "Hermes Phettberg" ein, so ist der erste Vorschlag der Suchmaschine "Hermes Phettberg tot". Nur: Totgesagte leben länger. Seine Bücher sind zwar vergriffen, seine Shows abgesetzt - doch immer wieder wird Phettberg für Kunstaktionen, Musikvideos und Bühnenauftritte aus seiner Wohnung gelotst. Er lebt seit 1982 in Gumpendorf im dritten Stock eines liftlosen Altbaus.

Beharrlich quält er sich täglich die Stufen hinauf und hinab. In seinem Domizil hört man aus dem Hintergrund Radio Ö1. Zeitschriften und Notizen stapeln sich, und man sieht zahlreiche Garnituren seiner inoffiziellen Uniform, bestehend aus Blue Jeans und Lederjacken. In dem scheinbar wilden Durcheinander orientiert sich der Urheber perfekt.

Fresssucht
und Schlaganfall


Phettberg, der den Film "A Perception" selbst noch nicht gesehen hat, ist aufgeregt und würde zur Premiere am liebsten die ganze Welt einladen, schiebt aber gleich nach: "Niemand bekommt eine Gratis-Eintrittskarte! Ich selber werde auch zahlen, denn wir haben keinen Groschen Förderung bekommen. Mein Regisseur Daniel Pfander hat mich sogar selbst untergetitelt, denn es ist schwer, mich zu verstehen", stammelt Phettberg. Seit seinen Schlaganfällen vor beinahe zehn Jahren wurde seine stärkste Waffe geschwächt: seine Rhetorik.

In der legendären "Nette Leit Show" (1995-1996) stellte er seine Fragen mit komplexen, nie enden wollenden Satzkaskaden, die die entwaffnenden Antworten bereits in sich trugen und selbst schlagfertigen Gästen wie Manfred Deix und Chris Lohner einen offenen Mund verpassten. Seitdem hat sich viel geändert, sagt Phettberg, der seinen Namen nur mehr bedingt verkörpert: "Das Ende meiner Fresssucht lässt sich sehr genau bestimmen: Das war ein Schlaganfall, am 23. Oktober 2006. Daraufhin konnte ich plötzlich nichts mehr essen, keinen einzigen Bissen."

"Die Neurologen mussten mich zum Essen verführen und mich daran erinnern, dass Essen gut schmeckt. Der Appetit kam nur langsam wieder. Als ich durch den Schlaganfall die Fresssucht losgeworden bin, hatte ich ein sehr angenehmes Gefühl." Seine genialen und abstrusen Gedanken hat er nach wie vor, oft ist er aber nicht mehr in der Lage, sie in ihrer barocken Blumigkeit zu artikulieren. Doch wenn er etwas sagt, hat es Gewicht: "Ich habe heute schon geweint. Ich bin Atheist, und ich habe geweint, weil es keinen Gott gibt." Sätze wie diese lässt er am Weg zum Klo ganz nebenbei fallen.