Beengter Wohnraum, Mangelernährung, katastrophale hygienische und sanitäre Verhältnisse sowie die Schwerstarbeit, die teilweise in 18-Stunden-Tagen verrichtet werden musste, führten zu schweren Krankheiten, von denen berufsbedingtes Rheuma, Gicht und Gelenksentzündungen noch am harmlosesten waren. Ruhr, Cholera, Blattern und Typhus grassierten unter den Ziegelarbeitern und bedeuteten für viele den Tod. Vor allem die Kindersterblichkeitsrate lag unter den "Ziegelböhm" weit über dem damaligen Durchschnitt.

Alkoholismus war vorwiegend bei den Männern weit verbreitet und zog neben Verschuldung - der ohnehin karge Lohn wurde oft in den Werkskantinen oder Gaststätten verzecht - ein Anwachsen der sozialen Spannungen in den Familien und somit eine weitere Verschärfung der bereits unfassbaren Lebensbedingungen der Ziegelarbeiter nach sich.

Das Elend der Ziegelböhm fiel zu dieser Zeit dem Psychiater und Armenarzt Victor Adler auf, da vermehrt kranke Ziegelarbeiter zu ihm kamen, um sich gratis behandeln zu lassen. Im Dezember 1888 schlich er sich als Maurer verkleidet mithilfe zweier befreundeter Ziegelschläger mehrmals in die Wienerbergerwerke. Danach veröffentlichte er seine Beobachtungen als Sozialreportagen mit dem Titel "Die Lage der Ziegelarbeiter" in der von ihm herausgegebenen Wochenzeitung "Die Gleichheit". Dort bezeichnete Adler die Ziegelschläger als "die ärmsten Sklaven, welche die Sonne bescheint".

"Wenn dieser Hungerlohn nur ausbezahlt würde"

Neben den Lebensumständen der Ziegelschläger machte er auf das damals in den Ziegelwerken praktizierte Trucksystem aufmerksam. So schreibt er: "Aber wenn dieser elende Hungerslohn auch nur wirklich ausbezahlt werden würde! Diese armen Teufel sehen aber monatelang kein ,gutes Geld‘ - der dort übliche Ausdruck für das seltene Bargeld."

Anstatt mit Geld wurden die Arbeiter zwei- bis dreimal täglich mit sogenanntem "Blech" ausbezahlt. Diese Marken konnten nur in den werkseigenen Kantinen, denen sie jeweils zugeteilt wurden, eingesetzt werden. Wer sich weigerte, sie als Bezahlung anzunehmen, wurde entlassen. Die Nahrungs- und Genussmittel, die sich die Arbeiter in den Kantinen gegen das "Blech" kaufen konnten, waren verhältnismäßig teurer als die Waren im nahegelegenen Ort und dazu noch von schlechterer Qualität. Dies ging so weit, dass viele Arbeiter regelmäßig zur nahegelegenen Inzersdorfer Konservenfabrik pilgerten, um dort um Reste zu betteln. Auch Kleidungsstücke mussten mit "Blech" gekauft werden, "alles um mindestens ein Drittel teurer als der Krämer im Orte". Den Skandal perfekt machte, dass das Trucksystem als Entlohnung seit 1885 in der Donaumonarchie verboten war.

Victor Adlers Berichte sorgten für großes Aufsehen, offenbarten sie doch die unrühmliche Kehrseite der glanzvollen Entwicklung Wiens und des Ringstraßenbaubooms. Die bürgerliche Bevölkerung hatte bis dato keine Ahnung - und wahrscheinlich auch kein Interesse daran -, wie jene Menschen, die die Grundsubstanz ihrer Prachtbauten herstellten, leben mussten. Zwar wurden die Ausgaben der "Gleichheit" recht schnell konfisziert, Adlers Verbindungsmänner in den Ziegelwerken verhaftet und entlassen sowie Adler selbst zu einer Geldstrafe wegen unbefugten Verbreitens einer Druckschrift verurteilt, jedoch konnte sich die Gewerbebehörde nicht mehr vor den Zuständen in den Wienerberger Werken verschließen. Das Trucksystem wurde abgeschafft.

Ab 1890 begannen sich die Ziegelarbeiter immer mehr zu organisieren. Begann es mit der Gründung eines Arbeiterbildungsvereins, der Kurse wie Rechnen, Schreiben und Lesen anbot, gipfelte es in einem groß angelegten Streik, als sich am 16. April 1895 mehr als 6000 Arbeiter in 41 Produktionsstätten weigerten, für die Werksbesitzer, die ihre Forderungen nach Verbesserungen der Arbeitsbedingungen abgelehnt hatten, weiter zu schuften.

Der Streik dauerte zehn Tage an. Immer wieder kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Arbeitern und der Gendarmerie, auch das Militär wurde herangezogen. Als die Lage eskalierte, zeigten sich die Werksbesitzer unter dem öffentlichen Druck gesprächsbereit und mussten den Arbeitern einen Elf-Stunden-Arbeitstag, das Verbot der Kinderarbeit und der Nachtarbeit für Frauen sowie die Sonntagsruhe garantieren. Was die Arbeiterbewegung damals als großen Sieg feierte, stellte immer noch denkbar schlechte Arbeitsbedingungen dar. Abgesehen vom weiterhin niedrigen Lohn war die erreichte Arbeitszeitenreduktion kein Meilenstein - der erste Acht-Stunden-Arbeitstag wurde in Österreich bereits 1886 vereinbart.

Arbeitervolk, das man nicht zu Gesicht bekommen möchte

Den "Ziegelböhm" ging es auch abseits der Fabrikshöfe dreckig. Verloren sie ihren Arbeitsplatz oder gerieten mit dem Gesetz in Konflikt, wurden sie abgeschoben. Dieses Schicksal teilten Ende des 19. Jahrhunderts jährlich knapp 7000 Menschen.

Von der Stadtbevölkerung mit Geringschätzung betrachtet, erhielten sie erst nach Ende des Ersten Weltkriegs ein verfassungsmäßiges Minderheitenrecht. Davor sah man sie als niederstes Arbeitervolk, das man am liebsten gar nicht zu Gesicht bekommen hätte.

Versuchten viele Tschechen damals, sich zu assimilieren, um nicht "aufzufallen" und somit Ärger aus dem Weg zu gehen, pochten nur wenige auf die Pflege und den Erhalt ihrer Kultur. Eine denkbar schwere Aufgabe, so blieben beispielsweise das Recht auf tschechischsprachigen Unterricht und das Öffentlichkeitsrecht böhmischen Schulen in Wien lange Zeit verwehrt. Um ihre Identität nicht zu verlieren, entwickelten sie ein blühendes Kulturwesen, das über 300 Vereine - darunter sogar eine Geisha-Tanzgruppe eines Gesangsvereins - umfasste.