Wien. Heutzutage gilt seit Ewigkeiten der Satz "Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen" als dümmste - und mutigste - aller Ausreden, wenn man zu faul war, sie zu machen. Um die Jahrhundertwende gab es eine viel bessere: "Entschuldigung, es hat geregnet." Denn damals schrieben die Schüler meist noch auf Schiefertafeln, die immer wieder beschrieben werden konnten. Ein kleiner Schwamm hing an einem Schnürchen daran, die Redewendung "Schwamm drüber" erinnert noch heute daran. Allerdings hatten Schnee und Regen auf dem Schulweg dieselbe Wirkung. Und Ausreden damals noch sehr schmerzhafte Konsequenzen.

Oskar Achs, wissenschaftlicher Leiter des Schulmuseums, legt die Schiefertafel beiseite und holt das berüchtigte Rohrstaberl hervor, mit dem Schüler ohne Hausaufgaben geschlagen wurden. Oder unaufmerksame Schüler. Oder Schüler, die die Hände nicht auf der Sitzbank hatten. "Damals haben auch die Eltern noch gesagt: ,Wenn er schlimm ist, geben’S ihm halt eine‘", sagt Achs. Er steht in einem Klassenzimmer, das genau so aussieht, als wäre es aus der Jahrhundertwende und alles, was darin steht, stammt auch aus dieser Zeit. Das Wiener Schulmuseum ist in einer ehemaligen Schule in Breitenlee im 22. Bezzirk am Wiener Stadtrand untergebracht; früher wurden dort zwei Klassen unterrichtet. "Damals waren rund 60 Schüler in einer Wiener Klasse, in Niederösterreich waren es bis zu hundert", erzählt er. Zwei der Schulräume waren Klassenzimmer, im dritten wohnte der Direktor. "Damals sind die Lehrer aufs Land gezogen, um zu unterrichten und dann haben sie oft in den Schulen oder beim Wirten gewohnt."

Als die Schule gebaut wurde, war auch Breitenlee noch am Land und Teil von Niederösterreich, seit 2001 ist das Schulmuseum hier untergebracht. Der "Verein Wiener Schulmuseum" wurde schon um einiges früher, im Jahr 1992, gegründet, "um die Vergangenheit des Unterrichts zu bewahren." Er betreibt nicht nur das Schulmuseum, sondern ist ein wissenschaftlich-pädagogisches Kompetenzzentrum für die Bildungs- und Schulgeschichte, erzählt Oskar Achs.

Vom Fleck weg heiraten


"Jeder geht in die Schule, aber wenige kennen die Zusammenhänge." Er selbst unterrichtete Geschichte und Deutsch, war Direktor des Wiener Abendgymnasiums und Autor von Geschichte-Büchern. An der damaligen Pädagogischen Akademie unterrichtete er außerdem Politische Bildung. Im Klassenzimmer des Schulmuseums erläutert er nun die "geheimen Disziplinierungsmaßnahmen" der Sitzbank, die ein Klappfach hatte, das eine schiefe Schreibfläche offenbarte, aber so wenig Platz zur Rückenlehne ließ, sodass "man als Kind fast schon körperlich fixiert war".