Für Migranten soll es leichter werden, nach Österreich zu kommen, fordert Chanan Babacsayv. - © Stanislav Jenis
Für Migranten soll es leichter werden, nach Österreich zu kommen, fordert Chanan Babacsayv. - © Stanislav Jenis

Wien. Chanan Babacsayv hat sich für die nächsten zweieinhalb Jahre viel vorgenommen: Er will dafür sorgen, dass die jüdische Gemeinde in Wien wächst. Alle fünf Jahre wird in der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien der Kultusvorstand gewählt, aus dessen Kreis dann auch der IKG-Präsident - aktuell ist es Oskar Deutsch - bestimmt wird. Während dieses Amt erst wieder am Ende der fünfjährigen Legislaturperiode endet, also im Herbst 2017, werden die beiden Vizepräsidenten sowie die Mitglieder der insgesamt 20 Kommissionen in der Halbzeit neu gewählt.

Neben Dezoni Dawaraschwili, einem Vertreter der georgischen Juden, der als Vizepräsident bestätigt wurde, übernahm nun Babacsayv, er ist ein Mandatar der bucharischen Juden (Juden aus Zentralasien), vergangene Woche das Amt des zweiten Vizepräsidenten neu. Den Schwerpunkt seiner Arbeit will er im Bereich Mitgliedergewinnung und Integration setzen, sagte er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung." Zeitgleich mit seiner Kür zum IKG-Vizepräsidenten wurde er auch zum Vorsitzenden der "Sonderkommission für Zuwanderung, Gewinnung neuer Gemeindemitglieder und Integration" gewählt.

Aktuell hat die Wiener jüdische Gemeinde knapp 7800 eingetragene Mitglieder. Um die Todesfälle zu kompensieren, aber auch um dafür zu sorgen, dass die Gemeinde wächst, müssen neue Mitglieder gewonnen werden. Einerseits passiert das durch Geburten - aber nicht in ausreichendem Maß. "Eine jüdische Gemeinde kann aber nur existieren, wenn sie über ausreichend Mitglieder verfügt", so Babacsayv. Die bestehende Infrastruktur sei ein Service der IKG für die Wiener Juden. Habe diese aber nicht ausreichend Mitglieder, "ist das alles für die Katz". Es gehe hier um die Zukunft des Judentums in Österreich.

Stoßrichtung eins: Bereits IKG-nahe Menschen, also solche, die vielleicht schon einmal Mitglied waren, aber ausgetreten sind, wieder in die Gemeinde zurückzuholen. Babacsayv geht hier von etwa 1500 bis 2000 Personen aus. Stoßrichtung zwei: Mit Israelis, die in Wien leben, in Kontakt treten, aber auch mit Menschen, die einen jüdischen Familienhintergrund haben, bisher aber nicht Mitglied waren. Insgesamt schätzt Babacsayv, dass es so gelingen könnte, die Gemeinde auf eine Größe von 10.000 registrierten Mitgliedern zu bringen.

Keine Zuwanderungskultur
in Österreich


Stoßrichtung drei: Jüdische Zuwanderung. Aus EU-Ländern sei eine solche leicht möglich. Anders sehe es aus, wenn Menschen, die gerne nach Österreich kommen wollen, derzeit in Drittstaaten leben. Allgemein herrsche in Österreich "keine Zuwanderungskultur", konstatiert Babacsayv. "Die Sozialpartner blocken und sperren sich gegen jede Form von Zuwanderung. Und warum sollte jemand nach Österreich kommen, wenn er einen ganzen Parcours an Hürden zu überwinden hat?" Babacsayv spielt hier auf die Rot-Weiß-Rot-Card an. Seit diese in Kraft ist, ist auch die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden so gut wie zum Erliegen gekommen.

Eine kontrolliere Zuwanderung würde jedoch die Volkswirtschaft unterstützen und Arbeitsplätze schaffen, argumentiert der IKG-Vizepräsident - es würde also die gesamte Gesellschaft profitieren. "Denn wenn das so weitergeht, werden wir in einigen Jahren, wenn die demografische Realität allen klar wird (die Menschen werden immer älter und die Geburtenrate sinkt, das Pensionssystem bricht zusammen), Maßnahmen gesetzt, die schon viel früher zu ergreifen gewesen wären - nur dann wird es viel teurer sein." Die Auflagen, um nach Österreich kommen zu dürfen, sollten daher erleichtert werden, fordert Babacsayv. Unabdingbar sei natürlich der Nachweis von Deutschkenntnissen.

Für eine gelungene Integration seien immer zwei Faktoren nötig, so Babacsayv: der Integrationswille der jeweiligen Person selbst und die Rahmenbedingungen. Für letztere würde die IKG Wien sorgen, die mit der erfolgreichen Integrationsarbeit seit den 1970er Jahren, als Bucharen, Georgier, Juden aus dem Kaukasus, begannen, nach Wien auszuwandern, inzwischen auch gezeigt habe, was möglich sei. Babacsayvs eigene Familie stammt ursprünglich aus der Sowjetunion, er wurde in Israel geboren und kam als Kind nach Wien. "Zuerst hat man sich gekümmert, dass die Menschen etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten. Heute geht es um Bildung, Ausbildung, Studienplätze. So funktioniert es."

Ein Potenzial für die jüdische Gemeinde böten etwa die Absolventen der Lauder Business School, an der in Wien jüdische Studierende aus aller Welt, vorrangig allerdings aus Osteuropa, ausgebildet werden.

Sie haben im Anschluss an ihren Studienabschluss zumeist nicht die Möglichkeit, in Österreich zu bleiben, da die Anfangsgehälter für Jungakademiker unter den geforderten 2500 Euro liegen. Auf diesen Umstand hat bereits der Förderer dieser Hochschule, Ronald Lauder, vor einigen Monaten bei einem Wien-Besuch hingewiesen.

Sei es aber nicht ein Widerspruch, sich als IKG einerseits um jüdische Zuwanderung zu bemühen und andererseits vor dem erstarkenden Antisemitismus zu warnen? Ja, der Antisemitismus steige, vor allem von muslimischer Seite, bestätigt Babacsayv. Und dagegen müsse man ankämpfen. Der IKG-Vizepräsident bedauert hier vor allem, dass es keinerlei offizielle politische Gesprächsebene zwischen der jüdischen Gemeinde und der muslimischen Gemeinde gebe. "Mit den Aleviten sind wir in einem guten Einvernehmen. Aber abseits dessen wird das Gespräch mit uns offenbar nicht gewünscht."