Wien. "Hochburg des Antisemitismus" nennt der Journalist und Wissenschaftshistoriker Klaus Taschwer seine umfangreiche Aufarbeitung des Umgangs der Alma Mater am Ring mit jüdischen Lehrenden und Studierenden ab Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Titel des Buches gibt seinen erschreckenden, durch viele Dokumente belegten Befund bereits wider, doch das Buch zeigt vor allem auch eines auf: die Kontinuitäten, die es hier von den 1920er Jahren bis weit nach dem Kriegsende gab.

Beispiel Richard Meister: Der Pädagoge und Altphilologe, dem Taschwer als Wissenschafter nur Mittelmaß attestiert, machte seine wahre Karriere als Hochschulbürokrat. 1923 wurde er Professor an der Uni Wien, 1930 Dekan. 1945 wurde er zum Prorektor ernannt, 1949 zum Rektor. Von 1951 bis 1963 war er Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Gerne wird heute hervorgestrichen, dass er unter den Nationalsozialisten leisertreten musste, nicht mehr mit bildungspolitisch beratenden Tätigkeiten betraut wurde. Sein deutschnationales Wirken wird so gerne übersehen: Meister war Mitglied jenes Geheimzirkels, den Taschwer nun aufdeckte: die "Bärenhöhle".

Jüdische Karrieren durchkreuzen

18 Professoren trafen sich regelmäßig in einem so benannten Seminarraum des Instituts für Paläobiologie und der Name wurde auch jener des Netzwerks. Dessen Ziel war es, jüdische Karrieren an der Uni Wien zu durchkreuzen. So schrieb etwa der Paläontologe Othenio Abel 1923 in einem Brief: "(...) dass ich unsere antisemitischen Gruppen an der Universität so fest zusammengeschweißt habe, so dass wir eine feste Phalanx bilden, rechne ich mir wirklich zum Verdienst an, und wenn ich viel Zeit und Kraft dabei verloren habe und verliere, so hält mich das Bewusstsein dabei fest, dass diese Arbeit vielleicht ebenso nötig ist als Bücher zu machen".

Konspirativ werkte man daran, Berufungen jüdischer Wissenschafter zu verhindern. Die Mitglieder der "Bärenhöhle" machten sich dabei den Umstand zunutze, dass bei Berufungen nicht nur die fachliche Kompetenz bewertet wurde, sondern auch die "persönliche Eignung zum Hochschullehreramt". Sogar öffentlich publik wurde dieses Vorgehen im Fall des Physikers Karl Horovitz.

Obwohl alle in der Kommission anwesenden Physiker für dessen Habilitation stimmten, verunglimpfte ihn das fachfremde "Bärenhöhle"-Mitglied Heinrich Srbik, ein Historiker, als "Kommunisten", und obwohl das sofort von den anwesenden Physikern als unwahr bescheinigt wurde, wurde Horovitz kurz darauf in der "Deutschösterreichischen Tages-Zeitung", einem frühen Hetzblatt der Nationalsozialisten, als "kommunistischer Jude" bezeichnet.

Die Abstimmung erfolgte am Tag nach Erscheinen des Artikels, das Professorenkollegium wurde dabei von einem weiteren "Bärenhöhle"-Mitglied - dem Historiker Hans Uebersberger - geleitet, der erneut die kommunistische Parteirichtung Horovitz’ anprangerte. Am Ende gab es keine Mehrheit für die Habilitation des Physikers.

Der viel beschworene Braindrain setzte an der Uni Wien demnach weit früher ein, als allgemein angenommen: Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse von Taschwers Studie. Jüdische Wissenschafter sahen sich schon lange vor der Machtübernahme der Nazis gezwungen, in der außeruniversitären Forschung tätig zu sein - wie etwa der Philosoph Karl Popper oder die Sozialpsychologin Marie Jahoda. Oder sie folgten dem Ruf einer Universität im Ausland.

Antisemitismus schlug jüdischen Studierenden und Lehrenden nach dem Ersten Weltkrieg aber nicht nur von den Führungskreisen der Uni, sondern auch massiv von deutschnational aber auch christlich national gesinnten Studierenden entgegen: Regelmäßige blutige Ausschreitungen gegen jüdische oder links gerichtete Studierende (wobei die Polizei das Uniareal nicht betreten durfte) führten auch immer wieder zu tageweisen Sperren der Hochschule, um die Lage zu beruhigen.

Einer dieser antisemitisch gesinnten Studierenden war übrigens ein gewisser Josef Klaus. Der spätere ÖVP-Politiker und Bundeskanzler (1964-1970) unterfertigte 1932 mit zwei Mitstudierenden ein Flugblatt, das gegen die Wahl von Ernst Peter Pick zum Dekan der medizinischen Fakultät mobilisierte.

Darin hieß es unter anderem: "Nach wie vor steht die Deutsche Studentenschaft auf ihrem 1923 kundgetanen Standpunkt, daß Professoren jüdischer Volkszugehörigkeit akademische Würdenstellen nicht bekleiden dürfen. Wollen Sie bedenken, daß Sie sich an einer deutschen Hochschule befinden und daß die deutschen Studenten als ihre Führer nur deutsche Lehrer anerkennen!"