Ohne weiterführende Therapie ist der Entzug sinnlos

Zurzeit bleibt ein Entzug oft die einzige gesetzte Maßnahme gegen die Alkoholkrankheit. Für Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts in Kalksburg bei Wien, der größten Suchtklinik Europas, ist dies sinnlos. "Der Entzug sollte der Einstieg in die Behandlung sein. Ohne weiterführende Therapie bringt er so gut wie nichts. Das ist wie in ein Besuch in der Oper, bei dem man im Foyer umkehrt", sagt Musalek.

Auch Harald wurde nach seinem ersten Entzug im AKH nach zehn Tagen mit dem Worten "Sie schaffen das schon im Alltag" entlassen. Von der Möglichkeit einer therapiegestützten psychischen Entwöhnung wurde er nicht einmal in Kenntnis gesetzt. Ihm blieb im Grunde keine andere Wahl, als in sein altes Schema zurück zu fallen. Also saß der Früh-Pensionist wieder allein in seiner Wohnung - die Jalousien heruntergezogen - und starrte apathisch in den Fernseher. Es war nur eine Frage der Zeit bis er wieder zur Flasche griff.

Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? Haralds Weg in die Abhängigkeit begann schon in seiner Kindheit. Wie bei vielen Suchtgiftabhängigen war auch bei ihm ein Elternteil alkoholabhängig. Genetische Faktoren erklären seine Abhängigkeit aber nur zum Teil. Wichtiger sei die soziale Komponente in einer Familie mit Abhängigen. "Das Aufwachsen mit Suchtkranken stellt eine erhebliche psychische Belastung dar, die nicht selten wiederum in eine Sucht führt", erklärt Michael Musalek. Schon im Alter von 15 Jahren wurden bei Harald Depressionen diagnostiziert. "Das Vorliegen einer Depression erhöht das Risiko einer Alkoholkrankheit um das mindestens Zwei- bis Dreifache. Umgekehrt leiden bis zu 75 Prozent der Alkoholkranken unter depressiven Stimmungen", sagt Musalek. Suchtkranke würden also oft doppelt leiden. "Sie geraten in einen regelrechten Teufelskreis. Depressionen können Alkoholismus auslösen. Dieser führt wiederum zu depressiven Stimmungen, Belastungsstörungen und Angstzustände, die viele Patienten mittels Alkohol zu lindern versuchen."

Wie die meisten Jugendlichen in Österreich begann Harald mit 16 Jahren regelmäßig Bier zu trinken. Erst nur an den Wochenenden, später fast täglich. Er konsumierte keine Unmengen, sondern eher die obligatorischen ein, zwei Getränke abends mit Freunden in Bars - nicht unüblich für junge Erwachsene um die zwanzig. "Es war eine gute Zeit. Kein stumpfsinniges Komasaufen, sondern eher inspirierendes Trinken. Wir haben viel gelesen und darüber diskutiert", sagt er heute.

Doch die Probleme des Alltags schienen bei ihm doppelt zu wiegen. Scheiterte etwa eine Beziehung vegetierte er Monate dahin, litt wie ein Todkranker und trank - immer öfter auch allein in seiner Wohnung und in totaler Verweigerung der Realität. Aufgrund seiner Depressionen wurde ihm vom Amtsarzt im Alter von 25 Jahren Arbeitsunfähigkeit beschieden. Er erhielt eine Pension, von der er problemlos leben konnte. Mit seiner plötzlichen Freizeit konnte er jedoch nicht umgehen.

Harald verbrachte seine Tage daheim vorm Computer, trank Bier und vertrieb sich die Zeit mit Onlinespielen und Fernsehen. Zu diesem Zeitpunkt setzte die Sucht ein. "Wenn Menschen über einen längeren Zeitraum zu viel trinken, ist das Risiko relativ hoch, dass es über kurz oder lang zu einem Kontrollverlust kommt. Sie können nicht mehr steuern, wann und vor allem wieviel sie trinken", sagt Musalek. Wenn Harald am Abend Freunde traf, war er meist schon vorher betrunken. Die Gespräche wurden stumpfsinniger. Er fing auch an zu lügen, um seine Sucht zu verbergen. Freundschaften brachen weg. Seine Anwesenheit wurde nicht mehr als angenehm, sondern vielmehr als störend empfunden.

Gefangen in der endlosen Bier-Schlaf-Schleife

In Österreich gelten Frauen die über 40 Gramm und Männer die über 60 Gramm reinen Alkohol pro Tag trinken als stark suchtgefährdet. Das sind bei Männern drei halbe Liter Bier oder drei Viertel Wein. Bei Frauen sind es zwei halbe Liter Bier sowie zwei Viertel Wein.

In den Monaten bevor Haralds Körper schlapp machte, trank er täglich an die zwanzig Flaschen Bier. Die ersten sechs sofort nach dem Aufstehen. Dann legte er sich wieder ins Bett um danach genauso weiter zu machen. Er verlor den Rhythmus für Tag und Nacht. Sein Leben bestand aus einer endlosen Bier-Schlaf-Schleife. Schließlich rebellierte sein Magen. Weinend vor Schmerzen rief er seinen Vater an. Sein Zustand trotzte jeder Beschreibung. Aufgrund der Mangelernährung war sein aufgedunsenes Gesicht mit einem pickeligen Ausschlag überzogen. Die Wohnung stank erbärmlich nach Bierdunst, Zigaretten und Kot. Mit dem Taxi fuhren sie sofort in das Krankenhaus. Die Diagnose: "Die Leber ist vergrößert, abgerundet, teilweise wellig konturiert, diffus vergröbertes Strukturmuster und zirrhosetypische Gefäßzeichnung sichtbar. Die Gallenblase . . ."