Wien. Seit Oktober 2014 gibt es in Wien von der Sucht- und Drogenkoordination ein neues Modell zur Betreuung von alkoholabhängigen Menschen. Das Pilotprojekt "Alkohol 2020" will Betroffene individueller Betreuen und maßgeschneidert Betreuungstherapien anbieten. Dabei versuchen Ärzte, Therapeuten und Sozialarbeiter stärker auf das soziale Umfeld und die Arbeits- und Wohnsituation der Patienten einzugehen. Außerdem sollen die unterschiedlichen Suchthilfeeinrichtungen besser vernetzt werden und zusammen arbeiten. Im Mittelpunkt steht ein niederschwelliger Zugang in das Betreuungssystem. Alkoholkranke können sich direkt an ein sogenanntes "regionales Kompetenzzentrum" wenden, von wo aus sie an die geeigneten Stellen im Gesundheits- und Sozialsystem weitervermittelt werden. Die "Wiener Zeitung" sprach mit Lenea Reuvers, Projektleiterin von "Alkohol 2020".

"Wiener Zeitung": Wie sieht derzeit das Leistungsangebot in Wien für die Betreuung von alkoholkranken Menschen aus?

Lenea Reuvers: Die Stadt Wien und die von ihr geförderten Einrichtungen bieten Leistungen für die Betreuung, inklusiver der Behandlung und Rehabilitation, von alkoholkranken Menschen. Diesen Menschen steht auch eine ambulante Betreuung zur Verfügung. Gerade in diesem ambulanten Bereich besteht aber noch Nachholbedarf. Es gibt in Wien zwar gute Einrichtungen, die aber noch zu wenig patientenorientiert miteinander vernetzt sind.

Das Angebot ist in Wien also nicht ideal. Wie würde die perfekte Therapie für Alkoholabhängige aussehen?

Eine gute Betreuung ist gezielt auf die jeweiligen Bedürfnisse des alkoholkranken Menschen ausgerichtet und deckt sowohl Behandlung, als auch Rehabilitation ab. Die Betreuung soll also möglichst individuell sein. Wichtig ist, dass es keine rein stationären Maßnahmen mehr gibt, sondern die Patienten immer auch ambulant betreut werden - schließlich ist der Umgang mit Alkohol im Alltag ein wichtiger Bestandteil der Betreuung.

Wie hoch ist die Rückfallsquote von alkoholabhängigen Menschen in Wien?

Sucht ist eine chronisch-rezidivierende Erkrankung. Das heißt Rückfälle sind ganz typisch für das Krankheitsbild. Relevant ist daher nicht die Rückfallsquote, sondern wie mit Rückfällen umgegangen wird. Wichtig ist, dass man sich bei Bedarf schnell wieder Hilfe sucht. Wenn ein Asthmakranker einen Anfall hat, erklärt auch niemand die Therapie für gescheitert.

Das Projekt "Alkohol 2020" will das Angebot für Alkoholkranke in Wien verbessern. Wie genau sieht dieses neue Modell aus?

Mit "Alkohol 2020" wird ein breiteres Angebot an therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen geschaffen. Außerdem gibt es neue Angebote im ambulanten Bereich, damit auch mehr Menschen, für die ein stationärer Aufenthalt nicht in Frage kommt, Hilfe erhalten. Besonderer Wert wird auch auf berufliche Rehabilitation gelegt. Mit dem regionalen Kompetenzzentrum wurde zudem eine neue Versorgungsstruktur aufgebaut. Für die Betroffenen gibt es hier eine zentrale Anlaufstelle, die alle Schritte von Diagnose über Bewilligung bis zur Betreuung organisiert. So sollen die bestehenden Einrichtungen auch besser miteinander vernetzt werden. Informationen zu den Angeboten bietet das regionale Kompetenzzentrum Alkohol 2020 unter der Nummer 01 4000-53640.

Welche Menschen haben einen Anspruch auf "Alkohol 2020"?

Derzeit können Menschen, die das 55 Lebensjahr noch nicht erreicht haben, in Wien wohnen, bei der WGKK versichert sind und die Voraussetzungen für Rehabilitation der PVA erfüllen, aufgenommen werden. Geplant ist, in einer nächsten Phase den Personenkreis zu erweitern. Das regionale Kompetenzzentrum steht aber allen Menschen zur Verfügung. Dort wird die aktuell geltende Anspruchsberechtigung geprüft und jene die keinen Anspruch im Rahmen des Pilotprojekts haben, werden in bestehende Angebote außerhalb von "Alkohol 2020" vermittelt.

Wie wird "Alkohol 2020" finanziert?

Die Kosten im Pilotprojekt "Alkohol 2020" werden gemeinsam von der PVA, der WGKK und der Stadt Wien getragen. Wir sind sehr stolz darauf, zum ersten Mal ein integriertes Versorgungssystem geschaffen zu haben, an dem sich alle drei Kostenträger beteiligen.