Melange-Surfing - für Bachmayer ein gesellschaftspolitisches Krankheitsbild. - © corbis
Melange-Surfing - für Bachmayer ein gesellschaftspolitisches Krankheitsbild. - © corbis

Wien. Zwei Menschen verabreden sich im Kaffeehaus - und nach kürzester Zeit ist jeder mit sich selbst und seinen virtuellen Aktivitäten am Handy oder Tablet beschäftigt. Schon ein Blick von außen verrät in vielen Gastronomiebetrieben oft ein ähnliches Bild, das weder gesellschaftlich noch altersbedingt eindeutig einzuordnen ist: die Faszination, die das Handy auf die Menschen ausübt und sie dazu verleitet, den realen Alltag um sich herum minutenlang völlig außer Acht zu lassen. Das Phänomen, das in Wien mitunter "Melange-Surfing" genannt wird, sieht OGM-Chef Wolfgang Bachmayer im Interview als nachhaltiges Problem. Es könnte sogar dazu führen, dass alte und wichtige Kulturtechniken wie Sprechen und Zusammenfassen verloren gingen, so der Experte.

"Wiener Zeitung": Wie verändert der neue Trend des sogenannten Melange-Surfings die Wiener Gesellschaft?

WolfgangBachmayer: Vorweg muss ich sagen, dass ich kein Sozialmediziner bin. Ich bin aber erstens Vater dreier Kinder und zudem ein scharfer Beobachter des öffentlichen Verhaltens. Das, was Sie als Trend bezeichnen, ist für mich viel mehr. Wir sind mitten am Weg in ein neues gesellschaftspolitisches Krankheitsbild ähnlich einer Sucht. Das zieht weitere Kreise. Es ist nicht nur das, was jeder von uns ohnehin täglich in der U-Bahn oder im Kaffeehaus beobachtet.

Gibt es konkrete Beispiele?

Man schirmt sich ab und starrt in sein Handy. Man sieht oft Jugendliche, die reden kein Wort miteinander. Wir haben im öffentlichen Raum sehr oft den Fall, dass sich ein großer Teil der Menschen in ihr Handy versenkt und die Außenwelt und die Umwelt vergisst und auch den Verkehr. Ich hab schon zweimal mit dem Fahrrad Zusammenstöße mit Passanten gehabt, die aufgrund ihres Handys auf den Verkehr vergessen haben. Das Melange-Surfing hat aber auch Auswirkungen auf unsere Kommunikation.

Es betrifft fast alle sozialen Schichten und Altersgruppen. Werden wir zur uns gegenseitig anschweigenden Internet-Gesellschaft?

Dieser Trend führt dazu, dass die Kommunikationsfähigkeit massiv leidet. In weiterer Folge zerrt das natürlich auch am Sprachreichtum, was wiederum zum Abbau der Sprachqualität führt. Lehrer würden Ihnen sogar bestätigen, dass auch die Schreibqualität betroffen ist.

Jugendliche nennen diese neue Art der oft vereinfachten Verständigung "moderne, chillige und coole Kommunikation"...

Ja, eine Art, bei der soziale Kommunikation und alte wichtige Kulturtechniken wie Reden, Sprechen, Präsentieren, Zusammenfassen, Erörtern und Diskutieren beschädigt werden. Das alles sind wesentliche Kompetenzen für die berufliche Qualifikation und für das Weiterkommen im Leben. Diese Skills werden erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Die Altersgruppe unter 25 ist nur ein Teil der Szene. Auch in renommierten Kaffeehäusern finden Sie Menschen mittleren Alters, die sich anschweigen und fleißig tippen.

Ja, es betrifft zwar die Jugend im Speziellen, aber wir sehen das quer durch alle Schichten, auch in gehobeneren Kreisen. Man muss aber unterscheiden, ob die Nutzung des Handys im beruflichen oder überwiegend im privaten Zusammenhang steht. Ich kenne auch Menschen, die auch berufsbedingt in ihr Handy schauen. Damit meine ich das Senden von Mitteilungen und das Abrufen von Informationen und nicht das Telefonieren per se. Es ist traurig - eigentlich sollte man das Mobiltelefon während eines Treffens schon aus Gründen der Höflichkeit abschalten oder zumindest auf lautlos stellen. Das zeigt Interesse am Gegenüber und ist ein Akt des Respekts.

Worin liegt die Faszination?

Lassen Sie mich zuerst noch eines ergänzen: Der Kaffeehausvergleich hinkt nur insofern, da sich der Großteil inmitten der jüngeren Generation abspielt, und diese findet man nicht nur im Kaffeehaus, sondern vor allem in der Schule, an der Uni und im öffentlichen Raum. Die Faszination ist dadurch bedingt, dass man das tut, was alle tun. Und es ist cool.

Die schriftliche Internet- Kommunikation ist inhaltlich anders strukturiert als im realen Leben. Wieso?

Was mir in diesem Zusammenhang wichtig ist, ist der Hinweis auf das Faktum, dass mittels Handy Abermillionen äußerst oberflächliche Botschaften ausgesendet werden. Diese zwingen die Nutzer zu Antworten und Rückantworten. So entsteht eine oftmals sinnfreie Kommunikation, die einem Ping-Pong-Spiel ähnelt.

Sollte man Ihrer Meinung nach gegen Melange-Surfing etwas tun und wenn ja, was?

Erstens einmal sollte man Kinder möglichst spät mit elektronischem Spielzeug beschenken und sich mehr Zeit für persönliche Kommunikation mit Ihnen nehmen. Das Handy der Kinder sollte zudem möglichst kein Internet haben, denn eine Botschaft fordert die nächste heraus und es entwickelt sich schnell ein Teufelskreis. Es betrifft mittlerweile tausende Eltern und Familien. Auch der damit eingehende Verlust der Bildungsqualität ist beachtlich. Das behaupte ich - da kann mir jemand mit Umfragen kommen, die mir das Gegenteil beweisen und das sage ich Ihnen als Meinungsforscher. Es ist eine Kette von äußerst gefährlichen Komponenten für die Gesellschaft.

Woran denken Sie da abgesehen vom Sprachverfall?

Na ja, nicht zuletzt könnte das auch zu rein medizinischen, sprich orthopädischen Problemen führen. Ich sehe in den U-Bahnen und Kaffeehäusern Menschen, die sich mit stark geknickter Haltung in ihr Handy vertiefen. Mich würde es nicht wundern, wenn das nicht auch zu gesundheitlichen Schäden führt - denken Sie etwa an die Halswirbelsäule oder an einen Buckel. Im Prinzip müsste man abschließend sagen, dass das Handy uns zwar viel gebracht hat, einen breiteren und schnelleren Informationszugang bietet und eine wichtige Rettungsfunktion bei Unfällen hat. Aber wir müssen noch damit umgehen lernen.