Kaiserin Elisabeth von Österreich ist das einzige Testimonial der Köcherts.
Kaiserin Elisabeth von Österreich ist das einzige Testimonial der Köcherts.

Wien. Kopfschüttelnd steht Wolfgang Köchert vor einem großen Haufen Hundekot. Er liegt direkt vor dem sogenannten Mayseder-Haus, einem prächtigen, vierstöckigen Renaissance-Bau inmitten der Wiener Innenstadt. "Das ist nicht gerade einladend", sagt Köchert und kehrt ihn weg. Der Hundshaufen wirkt wie ein Antipode zu all den Rubinen, Smaragden und Saphiren, die in der Auslage funkeln. Denn hier, an der noblen Adresse am Neuen Markt, gehen die Köcherts ihrem Handwerk nach. In der bereits sechsten Generation produzieren und verkaufen Wolfgang und Christoph Köchert Schmuck.

Mit seinen 200 Jahren ist ihr Juwelier- und Goldschmiedbetrieb einer der renommiertesten der Stadt. Die Kreationen der Köcherts werden mit den Initialen ihres Ur-Urgroßvaters Alexander Emanuel Köchert "AEK" punziert. Ihr reiches Klientel trägt sie rund um den Erdball - von Hollywood bis Moskau. Die Prominenz anderer will Wolfgang Köchert aber nicht für seine Werbezwecke nutzen. Für ihn ist das Geschäft mit teuren Schmuckstücken ein durchaus diskretes. "Wir machen keine Reklame mit bekannten Namen", übt sich Köchert in dezentem Understatement. Mit einer Ausnahme.

Metternich als
Fürsprecher am Kaiserhof

Denn die Kaiserin Elisabeth von Österreich trägt auf ihrem wohl meist vermarkteten Bild Diamantsterne aus dem Hause Köchert. Es ist das berühmte Ölgemälde von Franz Xaver Winterhalter aus dem Jahr 1865. Die 28-jährige Kaiserin wird in gewohnt affektierter Manier dargestellt. Sie wirkt schüchtern und erhaben zugleich. Das weiße Kleid fällt wallend zu Boden, die roten Lippen setzen sich dezent von der warmen Gesichtsfarbe ab. Ihre rabenschwarze, zu Zöpfen geflochtene Mähne dominiert eindeutig das Bild. Und in ihr stecken jene Sterne, die den Juwelier Alexander Emanuel Köchert in ganz Europa populär machen sollten. Die "Sissi-Sterne" lösten in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts einen wahren Modetrend aus. Seither ist die ehemalige Kaiserin das einzige Testimonial der Köcherts.

"Doch die Anfänge der Schmuckerzeugung in unserer Familie geht auf den Wiener Kongress zurück", erzählt Wolfgang Köchert. Der 1814 vom Franzosen Emanuel Pioté und dem Deutschen Jakob Heinrich Köchert gegründete Betrieb wurde von seinem wichtigsten Kunden, Fürst Metternich, am Wiener Kaiserhof eingeführt.

1849 ernannte der Kaiser Jakob Heinrich Köchert zu seinem persönlichen Kammerjuwelier. In dieser Funktion war er mit der Pflege und Instandhaltung der Schmuckstücke des Kaisertums beauftragt. So vollendete Köchert die Österreichische Kaiserkrone, indem er sie mit einem Perlenbesatz ausstattete. Für ein gemeinsam mit dem Architekten Theophil Hansen gestaltetes Diadem gewann die Firma bei der Wiener Weltausstellung 1873 den ersten Preis.

Ältestes erhaltenes Geschäftslokal in Wien

Der Ringstraßenarchitekt Hansen war es auch, der den Raum gestaltete, in dem Wolfgang Köchert jetzt steht. Köchert - maßgeschneiderter Anzug, graue Krawatte, Stecktuch - deutet auf den weißen Marmorkamin. "Als unsere Firma 1873 hierher zog, war es nicht üblich, in einem Erdgeschoßlokal Schmuck zu verkaufen. Wie ein Bankgeschäft war es eher ein versteckter Akt hinter verschlossenen Bürotüren. Deshalb sollte der Kamin eine familiäre Stimmung wie in einem Wohnzimmer verbreiten." Heute ist der Verkaufsraum der Firma das älteste, noch in seiner Ursprungsform erhaltene Geschäftslokal in Wien, das seit seiner Eröffnung von einer Familie geführt wird.

Unter der Last dieser Tradition wurden die Räumlichkeiten in den letzten Monaten renoviert. Die Architekten des Büros BWM konzipierten den Raum völlig neu, ohne den ursprünglichen Charme des Hybrids aus Wohn- und Verkaufsraum zu zerstören. "Originale Elemente der Hansen-Ausstattung wurden mit neuen, schlichten Stahlvitrinen kombiniert", erklärt Architekt Erich Bernard das Raumkonzept. Die dunkle Holzvertäfelung Hansens wurde zur Gänze erhalten. Historismus paart sich mit moderner Innenarchitektur. Die Künstlerin Megumi Ito entwarf Lichtquellen in Anlehnung an das Design von Hansen.

Die Gestaltung des Lokals verweist auf die lange Tradition der Zusammenarbeit des klassischen Goldschmiedehandwerks mit zeitgenössischen Künstlern. "Von 1926 bis 1962 hat zum Beispiel Erwin Lang viel für uns gezeichnet", sagt Köchert. Um die 10.000 Originalskizzen sind im Archiv der Familie gesammelt. Auch heute findet man Ketten und Broschen von Erwin Wurm oder Peter Kogler in den Vitrinen. 70 bis 80 Prozent der Schmuckstücke werden von der Firma Köchert selbst hergestellt, der Rest wird zugekauft.

Produziert wird der noble Klunker in den Werkstätten über dem Verkaufssalon. Eine enge Wendeltreppe führt ins Herzstück des Hauses. An dunklen, wuchtigen Holztischen mit buchtartigen Auslassungen sitzen die Goldschmiede und fummeln an ihren Schöpfungen. In mühsamer Kleinarbeit verarbeiten sie hochwertige Rohstoffe. Im mannhohen Jugendstiltresor werden noch immer diverse Edelsteine gelagert. "Das Material steht bei uns im Vordergrund. Die Firma steht für die hohe Qualität und die Echtheit der Steine", sagt Köchert.