Wien. Seit vergangenen Oktober gibt es in Rudolfsheim-Fünfhaus nahe dem Meiselmarkt die Kinderbücherei der Weltsprachen. Von den Regalbrettern lachen Illustrationen, die an Jeff Kinneys Bestseller "Gregs Tagebuch" erinnern, darunter steht der Titel in Farsi. In einer Ecke bekommt jemand gerade Nachhilfe, in einer anderen warten ein paar Mädchen auf die Englisch-Konversationsstunde, die hier wöchentlich von Schülern der Vienna International School abgehalten werden. Dazwischen wandern Kinder im Volksschulalter durch die Reihen mit den fremdsprachigen Schätzen und greifen schon einmal nach einem Titel, dessen Sprache sie noch nicht verstehen.

Es war eine Mischung aus Glück und Timing, die diesen Ort entstehen ließ, erzählt Magdalena Zelger, Leiterin des Referats Bibliothekspädagogik der Büchereien Wien. Chatwick Williams, Gründer des Vereins Who I Am, meldete sich bei ihr, weil er eine große Zahl an fremdsprachigen Kinderbüchern zusammengetragen hatte und für diese ein neues Zuhause suchte. Die Bücher sind Spenden, zum Teil von Eltern deren Kinder die Vienna International School besuchen, zum Teil von anderen Privaten, die Bücher aus ihren Heimatländern mitbrachten. Hinzu kam eine Kooperation mit verschiedenen Botschaften, wie etwa der kuwaitischen und der brasilianischen. Auch die irakische Botschaft sei sehr aktiv gewesen, erzählt Majda Kovacevic, Leiterin der Kinderbücherei der Weltsprachen. Diese habe viele kurdische Bücher in arabischer Schrift gespendet. "Die Bücher sind als sehr wertvoll zu sehen, weil sie am österreichischen Buchmarkt nicht erhältlich sind, und wir wollten auch auf jeden Fall den kurdischen Bestand aufbauen", so Kovacevic.

Gegenwärtig verfügt die Filiale über Bücher in 40 verschiedenen Sprachen. Neben Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch sind etwa auch Werke in Koreanisch, Japanisch und Chinesisch zu finden und natürlich die im Bezirk viel gesprochen Sprachen Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Albanisch und Türkisch. Die Büchereien Wien verfügen bereits seit längerer Zeit über ein Fremdsprachenlektorat, das nun gemeinsam mit den Mitarbeitern der Kinderbücherei den Bestand weiterentwickeln soll. Dabei wurde auch das Thema der politischen und religiösen Propaganda in Kinderbüchern diskutiert. "Die Qualität steht im Vordergrund. Wir haben die Spenden genau durchgeschaut. Es ist uns wichtig, dass was in unseren Regalen steht, nicht in irgendeiner Form tendenziös ist", so Zelger.

Vermehrte Nachfrage
durch Flüchtlinge

Durch die im Zuge der Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre zugezogenen Familien, ergebe sich auch eine vermehrte Nachfrage nach Sprachen wie Urdu und Farsi und man arbeite nun gezielt daran, das Angebot zu vergrößern. Im Konzept der Kinderbücherei sei auch eine starke Kooperation mit Schulen angestrebt und man sei gerade in Bezug auf Flüchtlingskinder immer wieder in Kontakt mit dem Stadtschulrat, um ihnen weitere Möglichkeiten zu geben. Das schließe etwa auch den Erwerb zweisprachiger Bilderbücher in Arabisch und Deutsch ein. "Das Tolle daran ist, dass Kinder mit Arabisch als Ausgangssprache genauso normal am Büchereibesuch partizipieren können wie deutschsprachige Kinder", erklärt Majda Kovacevic.

Der Mehrwert den die Kinderbücherei der Weltsprachen für Wien bringt, ist für beide Frauen klar. "Die Zweigstelle spiegelt die Buntheit und Vielfalt der Stadt wider und das macht viel Spaß. Sie zeigt, wie die Gesellschaft hier ist und dass man das als Chance sehen muss und nicht, wie leider manchmal üblich, als Nachteil oder etwas, das man nicht pflegen sollte", so Magdalena Zelger. Es gehe dabei auch um Chancengleichheit, weil Kinder deutscher und nichtdeutscher Erstsprache so den gleichen Zugang zu ihrer eigenen Schriftsprache hätten. Man rede hier zwar über Sprache, aber was dahinterstehe, sei Identität. "Es ist sehr problematisch, wenn einem Kind, das eine andere Muttersprache hat, nicht die Möglichkeit gegeben wird, diese zu pflegen und als wertvoll anzuerkennen. Es ist die Familiensprache, die Herzenssprache und wenn man gesagt bekommt, diese sei nichts wert, dann ist das meiner Ansicht nach etwas ganz Schlimmes", so die studierte Sprachpädagogin Zelger. Mit dem Angebot der Kinderbücherei könne man einen ersten Schritt machen, den Kindern zu zeigen, dass ihre Sprache etwas wert ist, und dafür sorgen, dass die Identität der Kinder befestigt wird.

Mehrsprachigkeit sichtbar
und nutzbar machen

Das Feedback sei bis jetzt sehr positiv gewesen, sagt Majda Kovacevic. Man bemühe sich besonders um verschiedene Aktivitäten mit Schulklassen, die die Mehrsprachigkeit der Kinder in den Fokus stellen und sie sichtbar und nutzbar machen. "Jedes Kind hat gefragt, ob seine Sprache auch dabei sei", so Kovacevic. Es sei ein großartiges Gefühl darauf mit "Ja" antworten zu können und man hoffe, dass durch weitere Spenden ein noch größerer Sprachreichtum zustande komme.

Das Verhalten der Kinder und Eltern in der Bücherei gibt ihr recht. Sie fühlen sich sichtlich wohl in der neu renovierten Bücherei. Verena Schimak ist mit ihrer Tochter Elsa gekommen. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und ist begeistert von dem Projekt. "Mein Kind wächst leider einsprachig auf, weil mein Mann und ich Österreicher sind", sagt sie. Sie rede aber ab und zu mit anderen Eltern hier und es gäbe auch immer wieder Lesungen "sogar auf Schweizerdeutsch, das ist doch cool".

Den hier stattfindenden Austausch empfindet sie als Gewinn für die Zukunft ihrer Tochter. "Wenn die Kleine ein bisschen älter ist, werden wir bestimmt auch zu englischen Lesungen gehen oder mit unseren Nachbarn zu den kroatischen. Vielleicht ergibt sich ja einmal die Gelegenheit für Elsa, eine dieser vielen Sprachen zu lernen", sagt sie.

Kinderbücherei der Weltsprachen:

Hütteldorfer Straße 81a, 1150 Wien