Wien. "Das ist das Beste, was ich seit langer Zeit gegessen habe", sagt eine Frau, die zum Abendessen ins Jasmin al-Sham gekommen ist. Zusammen mit Freunden hat sie gefülltes Lamm bestellt, allerlei Vorspeisen und Gebackenes. Ihr Tisch sieht aus wie die Tafel eines Sultans aus Tausendundeiner Nacht. Das Restaurant auf der Heiligenstädter Straße 9 ist bisher noch ein Geheimtipp unter Freunden internationaler Küche in Wien. Nur langsam spricht sich herum, dass es da so einen Syrer gibt, der viel redet, jeden kennt und so kocht, dass man nie wieder etwas anderes essen will.

Mohammed Hamdi arbeitet jeden Abend bis nach Mitternacht. - © Christoph Liebentritt
Mohammed Hamdi arbeitet jeden Abend bis nach Mitternacht. - © Christoph Liebentritt

Besitzer Mohammed Hamdi freut sich herzlich über jeden zufrieden Gast. Der Austro-Syrer ist 1975 in Wien als Sohn eines Arztes und einer Dolmetscherin geboren worden. Als die Familie wenige Jahre später nach Syrien auf Urlaub fährt, sterben beide Eltern bei einem Autounfall und Hamdi landet auf der Straße. 25 Jahre lang bleibt er im Geburtsland seiner Eltern und arbeitet für einen großen Zuckerunternehmer. Doch der politische Druck, die Ausbeutung der Bevölkerung durch ein korruptes Staatssystem bringen ihn dazu, dass er im Winter 2005 seine Koffer packt und zurück in seine andere Heimat will. "In Österreich gibt es Rechte. Da zahle ich Steuern, genauso wie der Präsident. In Syrien gibt es keine Gerechtigkeit. Sie sehen ja, was mittlerweile dort passiert ist", sagt er.

Mit 100 Dollar in der Tasche
in Schwechat angekommen

Mit 100 Dollar in der Tasche kommt er in Schwechat an. Eingeschüchtert ob des vor der Türe tobenden Schneesturms, bleibt er im Flughafengebäude und denkt nach. "Das war nur einige Jahre nach 9/11 und ich sitze als Araber drei Tage auf einem Flughafen herum", erklärt er seine unbequeme Lage damals. Doch er hat Glück. Ein Arabisch sprechender Mann wird auf ihn aufmerksam und hilft ihm, eine vorläufige Unterkunft zu finden. Von da an sucht Hamdi nach Arbeit, doch wird von Tür zu Tür abgewiesen. Zwar hat er Papiere, aber sein Deutsch ist nicht gut genug. Schließlich findet er etwas in einer Druckerei. Er ist verlässlich, überpünktlich und wird schnell befördert. Nur einige Monate später kann er seine Frau und seine Töchter nachholen, für Hamdi das Wichtigste. In einer winzigen Wohnung um 300 Euro bleiben sie sieben Jahre.

Ein Freund erzählt ihm schließlich von einem Shisha-Lokal in Döbling, dessen Besitzer unbedingt verkaufen will, egal wie niedrig der Preis ist. Es ist heruntergekommen und winzig. Sie einigen sich auf Ratenzahlung. Nach und nach renoviert Hamdi das dunkle Loch, während immer mehr Gäste kommen. Zur Shisha-Pfeife bietet er jetzt kleine Vorspeisen an, ein bisschen Humus, gefüllte Teigtaschen. Als er einen Fernseher kauft und beginnt, Fußballspiele zu zeigen, rennt man ihm fast die Tür ein, behauptet er jedenfalls heute.

Mittlerweile hat er die ehemalige Pizzeria nebenan dazugekauft und renoviert. Sein Restaurant hat heute 400 Sitzplätze, ist geschmackvoll eingerichtet und hat sogar einen Zimmerbrunnen, den Hamdi stolz zeigt.

Er selbst arbeitet jeden Abend bis nach Mitternacht hier, in der Küche, am Holzgrill oder im Service. "Ich kann das stundenlang machen, ohne Stress, alles okay", sagt er immer wieder lächelnd. Er sei eigentlich kein Koch und wenn er gefragt wird, wie er es denn gelernt hat, tippt er sich auf die Brust und sagt: "Mit dem Herzen." Wenn er vom Essen spricht, verfällt er ins Schwärmen. In Syrien und im Libanon sei die Vorspeise ganz wichtig. "Zum Beispiel, ich mache jetzt für euch eine Vorspeisenplatte mit Humus, Ayran, Falafel, Salat und und und", kündigt er wild gestikulierend an.

Geschächtetes Fleisch und
50 verschiedene Süßspeisen

Die Platte für einen reicht für mindestens zwei und ist eine spannende Reise. Man weiß nie so genau, was man gerade isst, aber es schmeckt wie aus einer anderen Welt. Spinattaschen mit Granatapfelsirup, der im Restaurant eigens hergestellt wird, allerlei Fleisch direkt vom Holzgrill, Gemüse und interessant gewürzter Reis.

"Wenn man auf Holz grillt, dann schmeckt das Fleisch gleich ganz anders", erklärt er und verdreht genüsslich die Augen. Geschächtet ist es natürlich auch. Zum Nachtisch gibt es 50 verschiedene Süßigkeiten, kalt und warm oder aber etwas, das Hamdi Cocktail nennt, eigentlich aber eine Mischung aus Eisbecher, Milchshake und Obstsalat ist, mit Schlagobers und Schokoladestückchen. Jeden Sonntag gibt außerdem es um 8,50 Euro ein Frühstücksbuffet mit bis zu 44 verschiedenen Speisen. Das sei nicht so profitabel und viel Arbeit, "aber ich habe gelernt, Werbung ist in Österreich für 50 Prozent des Gewinns verantwortlich", sagt Hamdi.

Nach einem Besuch im Jasmin al-Sham kann man sich nicht mehr so gut bewegen und will trotzdem noch mehr essen, denn was haben eigentlich die Leute am Nachbartisch bestellt? Das sieht ja auch gut aus. Hamdi lacht wissend. Er ist stolz auf sein Reich. "Heute träume ich aber ganz anders", sagt er. Er plane, eines Tages ein Restaurant mit großem Garten zu eröffnen, in dem man auch selbst grillen könne.