Wien. Auffällig unauffällige Grüppchen. Männer mit fadem Aug, die scheinbar auf Godot warten und auf einen international gängigen gezischten Pfiff hin auf einmal hellwach sind und mit flackerndem Blick den Pfeifer und die Umgebung mustern. Das Gebiet rund um die U6-Stationen Josefstädter Straße und Thaliastraße in Ottakring hat sich im letzten Jahr zu Wiens großem Drogenumschlagplatz entwickelt.

"Die Problematik hat sich seit Ende des letzten Jahres erhöht", sagt Ottakrings Bezirksvorsteher Franz Prokop (SPÖ). Viele Menschen sind verunsichert durch das neue Treiben in ihrer Nachbarschaft. "Die Beunruhigung der Ottakringer ist selbstverständlich nachvollziehbar und diese Sorgen nehmen wir ernst", erklärt Prokop. Doch dem Drogenhandel beizukommen ist nicht leicht. Besonders ein neues Gesetz erschwert der Polizei die Arbeit.

"Seit 2016 muss man dem Dealer nachweisen, dass er mindestens zwei weitere Verkäufe geplant hat, die man dezidiert benennen muss. Alternativ muss man ihm nachweisen können, dass er mehr als 400 Euro im Monat mit den Drogen verdient - aber wie soll man das nachweisen?", führt Polizeisprecher Patrick Maierhofer aus. Früher war das anders. "Wenn wir einen Dealer erwischt haben und der hat 20 Kugerl im Mund gehabt, haben wir gewusst: Das ist nicht nur für den Eigenbedarf, sondern es ist klar, dass der das verkaufen will." Die Folge: Festnahme.

Die schnelle Verhaftung hatte den Vorteil, dass der Dealer vorerst einmal von der Straße war und es sich nach einer Verurteilung genau überlegt hat, ob er noch einmal zuschlägt. Seit der Gesetzesänderung werden die meisten Drogendelinquenten nur noch auf freiem Fuß angezeigt. "Der fährt dann zur nächsten Station und verkauft munter weiter", sagt Maierhofer und zu den Folgen der Anzeige: "Wenn man den Straßenverkaufswert kennt, dann weiß man, dass er die Summe vermutlich in einer halben Stunde wieder herinnen hat." Dennoch geht die Polizei verschärft gegen das Drogentreiben, zumal jenem bei der U6, nach. Dafür wurde sogar ein eigener Polizeigipfel einberufen. Bis zu hundert Beamte werden täglich in den Öffentlichen Verkehrmitteln - darunter auf der Linie U6 - für den Bereich Suchtgifthandel eingesetzt. Das Ergebnis: Von 40.000 Personen wurden letztes Jahr die Daten aufgenommen, es hat mehr als 1500 Festnahmen gegeben und mehr als 3000 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz.

Weniger Koks mehr Marihuana

Dabei hat die Polizei eine -wenn man so will - positive Beobachtung gemacht. Die Entwicklung geht weg von harten Drogen wie Heroin und Kokain hin zu weichen Drogen wie Marihuana. Warum die U6 so beliebt ist? Das sei einfach eine Frage der Mobilität, erklärt Maierhofer: "Man steigt hier ein und am anderen Ende der Stadt aus." Von dem her sei auch die andere große Drogenzone, der Praterstern, zu erklären.

In Ottakring ist man froh über die gute Zusammenarbeit mit der Polizei und versucht seinerseits das Möglichste zu tun, um das Treiben einzudämmen. "Da geht es auch um subjektives Sicherheitsgefühl und darum, dass die Bevölkerung sieht, dass etwas getan wird", sagt Prokop.

Eine der Maßnahmen ist eine bessere Beleuchtung betroffener Gebiete. So werden etwa am Brunnenmarkt neue Lampen angebracht. Aber auch auf ersten Blick Überraschendes soll helfen. So wurden etwa die Stauden zwischen den Stationen Josefstädter Straße und Thaliastraße gekürzt. Das macht die Gegend für die Polizei übersichtlicher und reduziert die Versteckmöglichkeiten.

Doch so viel man auch gegen die Drogenszene macht, so wenig wird dadurch das eigentliche Problem gelöst. Das sagt auch Maierhofer: "Es gibt einfach suchtgiftkranke Menschen in Wien. Auch wenn die unangenehm sind, kann man sie nicht wegzaubern." Das heißt, auch mit dem rigorosesten Vorgehen, wie etwa seinerzeit am Karlsplatz, kann man die Drogenszene lediglich verschieben, nicht jedoch aus der Welt schaffen.