Wien. "Jedes Truppenmitglied hat jeden Tag ein Kilo Fleisch verputzt, was einen täglichen Bedarf von 800 Kilogramm bedeutet. Die Wiener waren beeindruckt", schmunzelt Robert Kaldy-Karo, der Direktor des Wiener Circus- und Clownmuseums, wenn er über das Gastieren von Buffalo Bill’s Wild West Show im Prater erzählt. Die Wild-West-Mythen wurden in Europa nicht nur durch Karl May geformt, eine wesentliche Kraft daran war auch Buffalo Bill, mit bürgerlichem Namen William Frederick Cody.

Der 1846 in Iowa geborene Showman hatte - angeblich, denn er war ein höchst geschickter Selbstvermarkter - schon mit 14 Jahren Erfahrungen als Goldgräber, Viehtreiber, Fallensteller und Reiter gesammelt. Im Sezessionskrieg (1861-1865) kämpfte er in der 5. Kavallerie der US-Armee gegen die Prärieindianer. Beim Kampf mit dem Stamm der Cheyenne verlor Cody einen Teil seines Skalps, doch auch er skalpierte Native Americans. 1867 verdiente Cody seinen Lebensunterhalt mit der Bisonjagd. Täglich erlegte er etwa ein Dutzend, um Arbeiter mit Fleisch zu versorgen. Von ihnen erhielt er den Spitznamen "Buffalo Bill". 1869 begann der Schriftsteller Ned Buntline, Geschichten über ihn zu erfinden und als Groschenromane zu verkaufen. Buffalo Bill wurde zu einem fiktionalen Helden.

Buntline schrieb sogar ein eigenes Theaterstück für Buffalo Bill, in dem dieser sich selbst bzw. jene ihm zugeschriebene Figur spielen sollte. Im Winter arbeitete Cody als Darsteller, im Sommer als Fährtenleser. Später trennte er sich von Buntline und gründete 1883 seine eigene Wild West Show, deren erste Aufführung am 19. Mai desselben Jahres in Omaha, Nebraska stattfand: von Anfang an zwar verkitschte Darstellungen, aber wohl doch mit echten Cowboys, die echte Bisons jagten und ihre Schieß- und Rodeo-Künste demonstrierten. Auch echte Native Americans konnte er für seine Shows gewinnen, u.a. sogar den Häuptling Sitting Bull. Trotz seiner Teilnahme am Amerikanischen Bürgerkrieg und seinem aktiven Kämpfen gegen Native Americans sollte er später einer ihrer Unterstützer - und Arbeitgeber - werden.

Vom Feind zum Freund

1887 reiste Buffalo Bill mit seiner kompletten Show nach Europa und trat unter anderem beim 50-jährigen Thronjubiläum der britischen Königin Victoria auf. Jahrelang tourte das enorme Ensemble mit eigenen Waggons, hunderten Cowboys, Indianern, Pferden und Bisons durch die europäischen Metropolen. Die Europäer waren fasziniert von den exotischen Kostümen und dem Kriegsgeheul, von den aufwendig inszenierten Reitkunstshows und den professionell choreografierten Kampfszenen.

Buffalo Bill - von den Wienern liebevoll "Büffel Willy" genannt - zeigte ebenso seine eigenen Reit- und Schießkünste. 1890 gastierte er zum ersten Mal in Wien, und in den Medien hieß es: "Das Wiener Gastspiel von Buffalo Bill erwies sich im Mai 1890 als schwere Konkurrenz für das Ronacher. Ein solches Massenaufgebot an Mitwirkenden kann das Etablissement auf der Seilerstätte nicht stellen. Indianer, Cowboys, Hinterwäldler, mexikanische Vaqueros, Lassowerfer, ‚Postillen-Virtuosen‘ und dazu Reiter, Reiterinnen - das war eine Schau, die die Wiener in Massen anzog. Ronacher bekam es in den Kassenrapporten zu spüren..."

Buffalo Bill war ein geschickter Werbe- und Showman, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde. Das gesamte Spektakel war auf seinem Namen aufgebaut und er stilisierte sich zu einer Ikone, die man bis heute kennt. Für seine Shows ließ er eigene Plakate drucken, und sein Manager John M. Burke reiste bereits Tage vor dem Rest der Truppe an den nächsten Aufführungsort, um die Werbetrommel zu rühren. "Für seine Europatournee hat Cody bereits in den USA ein riesiges Plakat drucken lassen, auf dem man in kleinen Vignetten die großen Städte seiner Tour sieht. Bei ‚Vienna‘ hat man allerdings ein kleines Bild des Hradschin und der Wenzelbrücke genommen. Also Geografie war demnach nicht seine Stärke", erzählt Kaldy-Karo.

Andere Plakate ließ er dann erst in Wien drucken, fährt Kaldy-Karo fort: "Einige der großen Plakate für Cody wurden bei der damals bekannten Wiener Druckerei J. Weiner gedruckt, die in der Kaiserstraße im 7. Bezirk zu Hause war und die für viele große Wiener Veranstaltungen, etwa im Ronacher oder dem Zirkus Busch, die Werbung gestaltet hat. Hier im Museum befinden sich nun einige der extrem seltenen Weiner-Plakate."

Im Prater wurde extra für Buffalo Bill’s Wild West Show eine hufeisenförmige Arena mit 38.000 m² erbaut, die für etwa 6000 Zuschauer Platz bot. Cowboys und Indianer schliefen in Zeltlagern neben der Anlage, die Ställe für die Tiere waren in unmittelbarer Nähe. Auch Buffalo Bill wohnte in dieser Zeltanlage, in der es außerdem ein eigenes Küchen- und ein Speisezelt gab. Alkohol war strengstens verboten, zumindest theoretisch - ebenso wie Kontakte, die übers Geschäftliche hinausgingen.

"Die Polizei passte sehr genau auf, dass es zu keinen Kontakten der Wienerinnen mit den strammen US-Boys kam", so Kaldy-Karo, "und das war auch in Codys Sinn, der wollte Fraternisierungen vermeiden. Hauptsächlich, weil er Sorgen hatte, dass ihm wichtige Truppenmitglieder aus Liebe abhanden kommen könnten." Für die Wiener sorgte nicht nur die Show, sondern auch das Ausmaß und der Aufwand davor und danach für Gesprächsstoff. Nur wenige - meist hohe Tiere oder Reporter - bekamen die Erlaubnis, die Zeltdörfer zu besuchen und sich die Szene Backstage anzusehen.