Klingel statt Rampe bei Nordsee. - © Philipp Hutter
Klingel statt Rampe bei Nordsee. - © Philipp Hutter

Wien. Als hätte ich es darauf angelegt, dabei war es ein reiner Zufallstreffer: Da bin ich also einmal mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs - und stoße dabei auf die berühmte Ausnahme, nämlich eine Billa-Filiale beim Schwedenplatz, die nicht barrierefrei zugänglich ist. Zumindest ist es laut dem Rewe-Konzern eine Ausnahme, denn bereits 97 Prozent der rund 2500 Filialen von Billa, Merkur, Penny, Bipa und Adeg seien barrierefrei, so Rewe-Sprecherin Ines Schurin. Zudem werde am 5. April im 11. Bezirk eine Prototyp-Filiale für erweitert barrierefreies Einkaufen eröffnet.

Höchste Zeit, schließlich ist ja bereits mit 1. Jänner 2016 die letzte Frist zur Umsetzung des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes ausgelaufen. Ab diesem Zeitpunkt müssten eigentlich alle öffentlich zugänglichen Gebäude barrierefrei sein. Müssten, wohlgemerkt. Denn erstens gibt es Ausnahmeregelungen, und zweitens "ist die Tatsache, dass es keinen Unterlassungs- und Beseitigungsanspruch zur Herstellung von Barrierefreiheit gibt, ein großer Wermutstropfen, der noch nicht beseitigt werden konnte", beklagt SPÖ-Behindertensprecherin Ulrike Königsberger-Ludwig.

Und so gibt es auch ein Quartal später immer noch genügend Grund zur Kritik. Was nun die konkrete Billa-Filiale betrifft, so erklärt Rewe die gut 15 Zentimeter hohe Stufe - die zwar mit dem Kinderwagen zu bewältigen ist, an der ein Elektrorollstuhl aber scheitert - damit, dass eine Rampe sich "aufs öffentliche Gut erstrecken hätte müssen, dafür hat die Behörde keine Genehmigung erteilt". Es werde aber bereits intensiv an einer anderen Lösung gearbeitet, verspricht Schurin.

Klingel statt Rampe: "Ich komme trotzdem nicht hinein"

Bereits eine Lösung gefunden hat Nordsee für die zum Jahreswechsel in der "Wiener Zeitung" kritisierte Filiale auf der Mariahilfer Straße 84. Dort sind Rollstuhlfahrer chancenlos, weil es nicht nur eine Stufe gibt, sondern auch noch die Tür nach außen aufgeht. Da auch hier laut Nordsee eine Rampe in den öffentlichen Raum hinausgeragt hätte, wurde kurzerhand eine Klingel montiert. "Durch deren Betätigung werden unsere Mitarbeiter informiert und unterstützen den Gast umgehend beim Zutritt", sagt Lisa Vockenhuber von der Kobza Integra Public Relations GmbH, die Nordsee als PR-Agentur betreut.

Was sagt Behinderten-Vertreter Martin Ladstätter vom Verein "Bizeps - Zentrum für ein Selbstbestimmtes Leben" dazu? "Die Klingel schaut gut erreichbar aus. Die Frage ist nur, was es bringen soll. Dann stehen wir gemeinsam vor der Stufe, die mit dem Elektrorollstuhl nicht zu überwinden ist. Wäre sie vier statt zehn Zentimeter hoch, würde das helfen." Eine mobile Rampe für den kurzfristigen Einsatz fehlt nämlich (noch). "Die wird aber bald geliefert", verspricht man in der Filiale. Oft werde nur an händisch betriebene Rollstühle gedacht und auf E-Rollis vergessen, weiß Ladstätter aus Erfahrung.

Viel Lob für den neuen Cityjet, Kritik am Wiener Flughafen

Auch für Nichtbehinderte ein Vorteil: Die Cityjet-Einstiege sind komplett barrierefrei. - © ÖBB/Seyr
Auch für Nichtbehinderte ein Vorteil: Die Cityjet-Einstiege sind komplett barrierefrei. - © ÖBB/Seyr

Wirklich schon weit ist der öffentliche Verkehr. Die Wiener Linien haben nicht nur alle U-Bahnen (von Anfang an), sondern auch sämtliche Stationen barrierefrei gemacht - im Vergleich dazu sind es in Berlin nur zwei Drittel und in London nur ein Viertel. Auch die Busflotte ist längst komplett niederflurig mit Rampe und Absenkmöglichkeit. Nur bei der Straßenbahn sind erst zwei Drittel Niederflurgarnituren. Durch die lange Lebensdauer der Züge von mehr als 40 Jahren wird hier die Umstellung noch Jahre dauern.

Bei den ÖBB sind derzeit etwa drei Viertel aller Züge barrierefrei. Allerdings besteht zumindest der subjektive Eindruck, dass hier der Fernverkehr weiter ist als der Nahverkehr, denn erst nach und nach werden die alten Schnellbahnzüge durch Talent- und Cityjet-Garnituren ersetzt - auch das liegt an der langen Lebensdauer.

Viel Lob gibt es jedenfalls für den neuen Cityjet, der wie der V-Wagen der Wiener Linien einen ausfahrbaren Steg hat und damit total barrierefrei ist. Nur sind in Wien bisher erst neun Garnituren unterwegs. Bis Jahresende sollen es 38 sein. Bis dahin ist es also noch ein Glücksspiel, ob man eine S-Bahn erwischt, in die man ohne Schwierigkeiten mit Kinderwagen hineinkommt. Die haben nämlich bei den alten Zügen wegen der hohen Stufen ebenso Probleme.

Nachholbedarf hingegen gibt es bei vielen öffentlichen Gebäuden, stellt ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg fest: "Die meisten Volks- und Neuen Mittelschulen (für die Gemeinden und Länder zuständig sind, Anm.) sind noch nicht barrierefrei, während die Bundesschulen dies fast zur Gänze geschafft haben. Und der Flughafen Wien war nach dem Zubau des neuen Gates weniger barrierefrei als vorher."

Auch Huainigg kritisiert die Zahnlosigkeit des heimischen Gesetzes. Er nennt das Schweizer Gleichstellungsgesetz als Vorbild, das etwa bei Neubauten einen Unterlassungsanspruch vorsieht. Bei den Schlichtungsverfahren wiederum ist Österreich selbst ein Vorbild: Auch Deutschland will sie einführen. Laut dem Sozialministerium wurden 45 Prozent der 1871 abgeschlossenen Fälle seit 2006 einvernehmlich gelöst.

"Barrierefreiheit ist nicht bloß ein Randgruppenthema"

Der Kinderwagen schafft die Stufe - viele Rollstühle nur schwer bis gar nicht. - © Jasmin Ziegler
Der Kinderwagen schafft die Stufe - viele Rollstühle nur schwer bis gar nicht. - © Jasmin Ziegler

Es gibt aber auch Positives. So sieht Huainigg eine Bewusstseinsänderung in der breiten Bevölkerung. Und: "Vor 20 Jahren war es in Wien aus feuerpolizeilichen Gründen sogar verboten, mit dem Rollstuhl U-Bahn zu fahren - heute hat jede Station einen Lift und ein Blindenleitsystem." Bei den Wirtschaftstreibenden vermisst er zum Teil noch ein Umdenken, ebenso wie Königsberger-Ludwig: "Noch immer wird Barrierefreiheit mit großen Kosten und Belastungen in Verbindung gebracht." FPÖ-Behindertensprecher Norbert Hofer meint, der Bund sollte "Maßnahmen zur Beseitigung von Barrieren effektiver unterstützen, um sie auch für Private besser leistbar zu machen, etwa mittels Handwerkerbonus". Aus dem Sozialministerium heißt es dazu, dass der Bund bisher Umbauten durch Unternehmer mit 28 Millionen Euro gefördert hat.

Grünen-Behindertensprecherin Helene Jarmer weist darauf hin, dass es bei Barrierefreiheit um viel mehr geht als nur um bauliche Fragen: "Es geht auch um den gleichberechtigten Zugang zu Information und Kommunikation." So müssen Internetauftritte von Behörden bereits seit 2008 barrierefrei zugänglich sein. Und fast 65 Prozent der ORF-Sendungen haben Untertitel.

Hofer fasst dies noch viel weiter: "Barrierefreiheit wird leider von vielen als Randgruppenthema gesehen. Dabei kommt sie allen - nicht nur behinderten - Menschen zugute."