Für manch Praterbesucher war es ein kurzer Sprung vom "5 Kreuzer Tanz" zur "50 Kreuzer Dirne", so Kaldy-Karo: "Soldaten aus den Nationen der Donaumonarchie lernten in den Tanzlokalen im Prater weibliche Dienstboten kennen und versuchten sie - mit dem Mut von ein paar Bieren - herumzukriegen. Wenn ihnen das gelang und die Mädchen dann schwanger wurden, wurden sie oft von der Herrschaft entlassen, verjagt und landeten auf der Straße. Da verlangten sie dann in der Regel 50 Kreuzer für ihre Dienste."

Johann Beermann, der Leiter des Polizeikommissariats Prater, dessen Kommissariat 1873 am Handelskai erbaut wurde, galt als Praterkönig und hatte genau ein Ziel: die Wiener Unterwelt, die in seinem Rayon ihr Zuhause gefunden hatte, zu vertreiben. Zu Beermanns Hauptfeinden gehörten die so genannten "Abstierer": Kriminelle und Diebe, die sich betrunkene oder hilflose Menschen als Opfer suchten.

Dazu zählten in der Pratergegend vielfach Pärchen, die sich im Gebüsch vergnügten. In den weitläufigen Auen konnte nicht jeder Strauch von der Polizei kontrolliert werden, und das führte zu mehr als bloßen Kavaliersdelikten, schreibt Susanne Mauthner-Weber: "1827 beispielsweise trieb im Prater ein Liebespaar-Mörder sein Unwesen."

"Die türkischen Schuhe, die der Schuhhändler aus Sparsamkeit auftrug, weil keiner seiner Kunden sie kaufen wollte, wurden ihm zum Verhängnis. Sie waren so einmalig, daß er als Lustmörder entlarvt werden konnte, der Paaren gerne beim Liebesspiel zuschaute und sie mittendrin aus Neid ermordete." Das waren aber bei weitem nicht die einzig kriminellen Aktivitäten im Zusammenhang mit Sex und Lust, so Kaldy-Karo: "Auch der Menschenhandel blühte damals enorm, und Mädchen wurden über die Donau in die Länder der Levante verkauft. Diese Mädchenhändler kommen sehr oft in den Filmen der 1950er vor, sie schienen damals noch sehr bekannt gewesen zu sein und gehörten zum kollektiven Bewusstsein."

Taschendieb Boris Borra
versus Franz Antel

Auch Spieler und Abzocker gehörten damals zum fixen Inventar des Wurstelpraters und seines Milieus. Zauberer Allan, der sich selbst als "der Mann mit den Röntgenaugen" bezeichnet hatte, arbeitete mit dem Wiener Polizisten E. Sprung an einem gemeinsamen Buch, das 1954 im Verlag der Vereinigung der Bundeskriminalbeamten Österreich erschienen ist: "Korrigiertes Glück. Falschspiel in Praxis und Theorie". Schon im Vorwort steht geschrieben: "Der Wucherer findet die bedrängte Lage des anderen vor. Der Spieler führt sie erst herbei."

Allan hatte Informationen aus erster Hand, war er doch in den 1940ern in Österreich und Deutschland Zauberkünstler gewesen. Mitte der 1950er musste er wegen einer Handverkrümmung mit seiner Arbeit aufhören, doch später wurde er zum Informationsgeber Kaldy-Karos, dem er seinen gesamten Nachlass hinterlassen hat.

Kaldy-Karo sagt über seinen 1990 verstorbenen Freund: "Allan hat mir erzählt, dass er zahlreiche falsche Medien im Prater aufgedeckt hat und dort in den 1970ern und auch 1980ern noch haufenweise Stoßspieler gesehen hat." Diese Spieler - genannt "Stoßbrüder" - ließen sich dabei auf ein Spiel ein, in dem es keine Strategie, sondern nur reines Glück - und für viele Unglück - gibt. Die einzige Taktik beim Stoß war, auf gut Wienerisch: zu bescheißen. Stoß war - trotz Verbots und hoher Geldbeträge - das Kartenspiel im Wiener Milieu. Und die hohen Geldbeträge führten dazu, dass man selbst im ärgsten Glücksspiel versuchte, Strategien zu entwickeln, so Kaldy-Karo: "Die haben verschiedenste, teils aufwendige Hilfsmittel und Werkzeuge gehabt, um die gezinkten Karten geschickt herzustellen. Viele andere Glücks- und Betrugsspiele gehörten ebenso zum Prater und seiner Umgebung. Stoß war zwar am berühmtesten, aber es gab noch massenhaft andere, etwa Kettelziehen oder das berühmte Nussschalenspiel."

Nussschalenspiel
und Kettelziehen

Das Nussschalenspiel mit den drei Nussschalen, Streichholzschachteln oder Bechern ist noch heute bekannt. Dabei muss man jenes umgedrehte Behältnis erraten, in dem sich der gesuchte Gegenstand, typischerweise eine Kugel, befindet: ein meist unmögliches Unterfangen, weil die Kugel während des flinken Herumschiebens vom Spielleiter geschickt entfernt wird und erst anschließend wieder mit einer schnellen Handbewegung hineingeschmuggelt wird. Noch bis vor wenigen Jahren konnte man dies an öffentlichen Orten in Wien sehen: nicht nur, aber auch in der Pratergegend.

Das Kettelziehen hingegen ist weniger bekannt: Eine Kette oder ein Gürtel wird in der Form eines Achters auf einen Tisch gelegt, woraufhin der Spieler seinen Finger in eine der beiden Schlingen, die er sich aussuchen kann, steckt. Der Spielleiter bzw. Betrüger zieht dann an der Kette: Bleibt sie am Finger des Spielers hängen, hat er gewonnen. Lässt die Kette sich wegziehen, muss er sein Geld liegen lassen.

Robert-Kaldy Karo erinnert sich schmunzelnd an eine andere Anekdote rund um Trickbetrug im Prater, als der geschickte Taschendieb Boris Borra zugegen war: "Da war der Nationalcircus in den 1990ern im Prater, und Borra war Teil der Show. Er hat Franz Antel bei der Premiere, noch vor der Aufführung, heimlich die Brieftasche gestohlen. Ich kann mich erinnern, auch Charles Aznavour war damals anwesend und durfte auf einem Ehrenplatz sitzen. Antel aber war beleidigt, weil er nicht in der ersten Reihe sitzen durfte, und ging deswegen noch vor Vorstellungsbeginn erbost nach Hause, ohne dass er überhaupt gemerkt hatte, dass ihm seine Brieftasche fehlt. Der Diebstahl bzw. seine Auflösung wäre aber Teil der Show gewesen, es war sogar ein Fernsehteam da, das das alles hätte filmen sollen. Antel musste also extra wieder von zu Hause abgeholt werden, um die Vollendung des Tricks zu filmen."

Spieler und Prostituierte wurden mittlerweile weitgehend aus dem Prater entfernt, aber eben nicht verhindert, sondern nur an unsichtbarere Orte verschoben. Taschendieben hingegen wird man im Prater auch außerhalb gewisser Zaubershows wohl niemals hunderprozentig aus dem Weg gehen können.