Zusätzlich fanden aufwendige Events statt wie die "Internationale Ausstellung neuer Erfindungen", das Ballett "Der Carneval in Venedig", Operettenaufführungen sowie Ring- und Wettschwimmkämpfe. 1896 ließ Steiner Glasbläser aus Murano und den Bologneser Mandolinistenklub in seine Phantasiestadt kommen. Franz Lehár trat hier ebenso mehrmals als Dirigent auf. "Venedig" war zwar groß, aber liebevoll in kleine, überschaubare Plätze unterteilt. Anfangs kamen täglich etwa 20.000 Besucher, von der Saisoneröffnung Ende Mai bis zum 20. Oktober 1895 waren bereits zwei Millionen zahlende Gäste erschienen. Wie man sich vorstellen kann, waren die Praterunternehmer außerhalb der venezianischen Stadtgrenze wenig erfreut. Die Volkszeitung vom 16. Juni 1895 titelte "Schwere Zeiten im Prater" - womit alles außer Venedig gemeint war.

Riesenrad in Venedig

Bereits 1897 sollte sich das 67 Meter hohe Riesenrad auf dem Gelände von Venedig in Wien erheben, das Gabor Steiner beauftragt hatte. Das Wahrzeichen wurde von Ingenieur Harry Hitchins der Londoner Firma Basset erbaut und zu einem Riesenpublikumserfolg. Von Beginn an sorgte es für Aufsehen, wie in Norbert Rubeys und Peter Schoenwalds Buch "Venedig in Wien: Theater- und Vergnügungsstadt der Jahrhundertwende" steht: "Nach der Eröffnung des Riesenrads am 3. Juli 1897 drängten sich vor allem Liebespaare zur Fahrt, denn es gab ‚Wagons separée‘. (...) Viele glaubten, sich tatsächlich in einem Separée zu befinden, und benahmen sich derart ungeniert, daß die Fahrt mit dem Riesenrad für sie oft am Polizeikommissariat einen unangenehmen Ausklang fand." Auch andere sensationelle Aktionen sorgten für Aufsehen und Ärger: Marie Kindl, eine 20-jährige Artistin ohne Engagement, legte am 30. Juni 1898 eine Runde mit dem Riesenrad zurück, indem sie sich mit ihren Zähnen an einem Seil festbiss, das aus einem der Wägen hing. Sie streckte währenddessen die Hände von sich und gab einen Schuss aus einer geladenen Pistole ab.

Bei der unangemeldeten Guerillaaktion sammelte sich eine erregte bis besorgte Menschenmenge an. Das Riesenrad wurde gestoppt, während Marie Kindl darauf hang. Ihr wurden Warnungen und Drohungen zugerufen, sie möge zurück in den Wagen klettern. Die Feuerwehr rückte aus und spannte ein Sprungtuch auf, doch sie bewegte sich weder in ihren Waggon, noch ließ sie sich fallen - stattdessen blieb sie, mit den Zähnen festgebissen, am Seil hängen. So setzte man das Riesenrad wieder in Gang, und als sie unten angekommen war, warf sie der nunmehr jubelnden Menschenmenge Kusshände zu. "Die Polizei nahm diesen Vorfall nicht auf die leichte Schulter und brachte sie auf die nächste Wachstube. Die arbeitslose Artistin hatte versucht, mit dieser Aktion Aufmerksamkeit zu erregen, sagte sie", erklärt Kaldy-Karo. Wie alles im Prater mutierte auch "Venedig", und anstatt der italienischen Paläste kamen immer mehr ägyptisch und japanisch anmutende Bauten, die dem Zeitgeist vorausgreifen wollten und nach Exotik griffen: 1901 hatte sich das streng durchkomponierte Venedig in einen Fleckerlteppich verwandelt, in die "Internationale Stadt im Prater", die wiederum zur "Blumenstadt" wurde, im Jahr darauf zur "Elektrischen Stadt".