Rechtsextrem?
Wir doch nicht

Seit knapp einem Monat demonstrieren PKK-nahe kurdische Vereine in Wien und anderen Städen ... - © Nathan Spasic
Seit knapp einem Monat demonstrieren PKK-nahe kurdische Vereine in Wien und anderen Städen ... - © Nathan Spasic

Ein paar Straßen weiter werden ähnliche Töne gespuckt. Im Café Göktürk in der Märzstraße. Hier hält Ulus Bulut die Stellung. "Das, was jetzt passiert, ist noch gar nichts", meint der 24-Jährige. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es kracht, prophezeit er.

Bulut betreibt seit Anfang Juni das Café. Es gilt als Anlaufstelle für die Grauen Wölfe in Wien. Gleich am Eingang wird die Gesinnung seines Betreibers klar, zu sehen ist das Emblem eines grauen Wolfes. Es ist das Symbol der rechtextremen türkischen Partei der Nationalen Bewegung (MHP). Ihr Ziel: die Errichtung eines großtürkischen Reiches, das vom Balkan bis nach Zentralasien reicht. Ihre Feinde: Kurden, Armenier, Griechen, Juden, Homosexuelle. Gegründet 1969 von Alparslan Türkes, wurden die Grauen Wölfe als paramilitärische Schlägertruppe innerhalb der MHP aufgebaut. Zahlreiche politische Morde und Terrorakte gehen auf das Konto der Gruppe.

... für die Freilassung des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan sowie für kurdische Autonomiebestrebungen. - © Nathan Spasic
... für die Freilassung des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan sowie für kurdische Autonomiebestrebungen. - © Nathan Spasic

Rechtsextrem? Ulus Bulut schüttelt den Kopf. Das sei ein Phänomen aus Deutschland oder Österreich. "Wir sind nicht das, was Hitler ist", will er klarstellen. Er dribbelt unruhig mit den Füßen und schaut auf das glitzernde Mosaik der türkischen Fahne an der Wand. "Es ist nichts Besonderes, wenn man sein Land und sein Volk liebt. Es ist normal. Nur in Europa werden die Grauen Wölfe als aggressive Gruppe gesehen", sagt er. Im Hintergrund laufen auf dem Flachbildschirm YouTube Lieder, die dem einstigen "Oberwolf" Alparslan Türkes huldigen. Bulut trauert dieser Zeit nach, in der es diese "Führungspersönlichkeiten" gegeben hat, die die Jugend inspirieren und ihren Zorn in geordnete Bahnen lenken würden. Leider gebe es diese nicht mehr. "Wenn sie in 100 Jugendlichen einen rausfischen, der so ist, wie die von früher, dann haben sie schon viel erreicht", meint er.

In den vergangenen Wochen sollen viele Angriffe aus seinem Lokal gesteuert worden sein, behaupten kurdische Aktivisten. Bulut bestreitet das. "Das sind irgendwelche Jugendliche, die Action suchen und die nicht wissen, was sie machen. Mit dem Lokal hat das nichts zu tun. Sie werden solche Jugendliche in jedem Park finden."

Hetze im Internet

Es ist eine Provokation für viele junge Türken, die von den österreichischen Behörden ein Verbot der "terroristischen Propaganda" auf Österreichs Straßen fordern. - © Nathan Spasic
Es ist eine Provokation für viele junge Türken, die von den österreichischen Behörden ein Verbot der "terroristischen Propaganda" auf Österreichs Straßen fordern. - © Nathan Spasic

Doch so unorganisiert, wie Bulut behauptet, sind die Grauen Wölfe nicht, meint der Sozialarbeiter Thomas Rammerstorfer, der seit Jahren die Szene beobachtet. In seinem Buch "Grauer Wolf im Schafspelz" zeichnet der Oberösterreicher die Strukturen der Gruppe in Österreich nach. "Die Grauen Wölfe haben neue Lokale eröffnet, führen Schulungen durch und haben Kampfsportvereine, die ihnen nahestehen. Es findet eine massive Verhetzung auf Social Media statt, wo gegen Armenier, Kurden und Juden, gehetzt wird. Es wäre dringend geboten, dass der Verfassungsschutz darauf ein Auge wirft, weil das mittlerweile sehr ausufert", plädiert Rammerstorfer.

Seit 2009 taucht die Gruppe im Verfassungsschutzbericht nicht mehr auf. Verfassungsschützer argumentieren das damit, dass die Gruppe als solche nicht mehr in Erscheinung tritt und ihre Anhänger mittlerweile in den Reihen der AKP-Sympathisanten verschwunden sind. So auch bei einer Demonstration am Sonntag, vor zwei Wochen, als die AKP-nahe UETD, Union Europäisch-Türkischer Demokraten, unmittelbar nach den Anschlägen auf dem Istanbuler Flughafen zu einer Friedensdemo am Heldenplatz aufrief. Ein Protest gegen den Terror von IS und PKK sollte es werden. Laut Polizei waren 1200 Menschen gekommen, darunter auch viele junge Männer, die ihre Finger zum Wolfsgruß geformt haben.

In Österreich organisieren sich die Grauen Wölfe vorwiegend in Kultur- und Moscheevereinen, wie beispielsweise der "Avrusterya Turk Föderation". In Oberösterreich hat der Ableger, der Linzer Verein Avrasiya, bereits Bekanntheit erreicht. So hat im vergangenen März einer der Funktionäre in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen den Wolfsgruß gezeigt. Wenige Zeit später tauchten im Internet Bilder auf, die den jungen Mann auch beim Hitlergruß zeigen. Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ), dem gute Kontakte zu dem Verein nachgesagt werden, war daraufhin genötigt deren Vertreter aus seinem Integrationsrat auszuschließen.

Zum ersten Mal wurde mit dem KPÖ-Lokal in Penzig auch eine österreichische Partei mit rechtsextremen türkischen Motiven beschmiert. - © Nathan Spasic
Zum ersten Mal wurde mit dem KPÖ-Lokal in Penzig auch eine österreichische Partei mit rechtsextremen türkischen Motiven beschmiert. - © Nathan Spasic

Baki Uslu kennt den jungen Mann. Das sei alles ein Missverständnis, befindet er. Der 52-jährige Textilunternehmer ist Generalsekretär der "Avrusterya Turk Föderation". Gemeinsam mit seinem Obmann, Ali Can, lädt er ins Vereinslokal in der Hofbauergasse im 12. Bezirk. Die Aufregung um den Gruß kann er nicht verstehen, würden ihn doch viele türkische Jugendliche machen. Er bedeute nichts, höchstens eine Art Zugehörigkeit zur türkischen Nation. "Das ist losgelöst von der Geschichte", sagt er. Die blutige Geschichte der politischen Morde aus den 80er Jahre ist lange her. Man gibt sich betont apolitisch. Die Föderation sei lediglich darauf ausgerichtet, seinen 7000 Mitgliedern das Leben in Österreich mittels Sprachkursen und Kulturveranstaltungen zu erleichtern. Mit Politik wolle man nichts am Hut haben. "Wir sind keine Faschisten", betont Ali Can, der Obmann der Förderation. Seine Begründng: "Wir haben auch kurdische Vorstandsmitglieder. Meine besten Freunde sind Kurden."