Minderheit kommt mit Auto

Ob mangelnde Parkplätze alleine für den Rückgang verantwortlich sind, bleibt trotzdem fraglich. Denn bereits vor der Umgestaltung reiste nur ein geringer Teil von acht Prozent der Kunden mit dem Auto an. 40 Prozent stiegen in die U-Bahn, 23 Prozent machten sich zu Fuß auf den Weg, wie eine Passantenbefragung der Wirtschaftskammer 2008 ergab. Im Gegensatz zu kleinen Einzelhändlern klingt die Bilanz bei großen Filialisten erfreulich. "Die Performance des Filialstandortes auf der Mariahilfer Straße ist sehr positiv und entwickelt sich weiterhin sehr gut", sagt Libro-Geschäftsführer Claus Mitterböck. Auch Gerngross-Chef Günther Meier zeichnet ein positives Bild für das gesamte Haus. "Die Mariahilfer Straße lädt jetzt mehr zum Flanieren ein, der Kunde nutzt den neuen Raum", so Meier. Im Fossil-Store neben dem Generali Center heißt es, dass das Weihnachts- und Ostergeschäft nun besser laufen würden und seit der Verkehrsberuhigung auch mehr Touristen in den Shop kämen.

Ein Besuch im Bezirksamt Neubau, Hermanngasse 24-26. Im großen, vom Licht durchfluteten Büro sitzt Thomas Blimlinger, grüner Bezirksvorsteher seit 15 Jahren. Er sagt, dass er zu Beginn skeptisch gewesen sei, ob eine Fußgängerzone nicht noch mehr Verkehr in den Bezirk bringen würde. Doch der Verkehr in den Nebengassen sei entgegen aller Befürchtungen nicht mehr geworden. Den Vorwurf, dass Parkplätze schuld an der wirtschaftlichen Misere sind, will er nicht gelten lassen. "Wer glaubt, dass innerstädtische Stellplätze für das Wohlergehen der Wirtschaft verantwortlich sind, lebt im falschen Jahrhundert", sagt er gegenüber der "Wiener Zeitung". Anrainerparkplätze wurden nur dort geschaffen, wo keine Geschäfte sind. Es sei eben gerade keine tolle Zeit für den Handel, er orientiere sich neu. "Ich würde die Rückgänge keinesfalls auf die Umgestaltungen und Verkehrsänderungen schieben", bekräftigt Blimlinger.

Begehrter Standort

Als Standort ist die Mariahilfer Straße trotz der negativen Berichte immer noch begehrt. "Die Nachfrage nach Geschäftsflächen ist gestiegen. Es gibt eigentlich keinen Leerstand", sagt Sarah Sonnleitner, Beraterin für Retail-Geschäftsflächen bei Otto Immobilien. "Die Höhe auf dem Einkaufsbon wird kleiner", sagt sie. Doch das habe ihrer Meinung nach nichts mit der Umstellung auf eine verkehrsberuhigte Zone zu tun. Diesen Trend gebe es bereits seit ein paar Jahren.

Dasselbe Bild zeichnet man auch beim Immobilienberater Jones Lang LaSalle. "Das Interesse von Unternehmen, sich auf der Mariahilfer Straße anzusiedeln, hat nicht nachgelassen." Außerdem zeigen Beispiele aus Deutschland, dass sich Fußgängerzonen grundsätzlich besser auf den Konsum auswirken. "Die Straße lädt mehr zum Flanieren ein, der Blick auf die Schaufenster ist nicht durch Autos verstellt", sagt Beraterin Aniko Korsos. Die Kunden würden außerdem länger in den Geschäften bleiben.

Noch gar kein Kunde verirrte sich hingegen an diesem Tag zu Jörg Haimayer. Es ist ein Montagabend, 17 Uhr. Seine "Taschenausgabe" am Anfang der Zollergasse ist menschenleer, aus den Lautsprechern hört man Grunge-Musik. Er hat sich auf Taschen, Einkaufstrolleys und Kinderrucksäcke aus Norwegen spezialisiert. Seit eineinhalb Jahren hat er das Geschäft im siebenten Bezirk - eine Fehlentscheidung. Denn bevor er in den 7. Bezirk zog, hatte er seinen Laden in der Leopoldstadt nahe dem Karmelitermarkt. Ein hippes Viertel mit kaufkräftiger Klientel.

Angesagt ist auch das Siebensternviertel, doch seine Taschen bleiben Ladenhüter. "Ich habe hier die doppelte Fläche, die dreifache Miete und den halben Umsatz", fasst Haimayer seine Situation zusammen. Von der neuen Fußgängerzone erwartete er sich mehr Kundschaft. Am Samstag aber, dem Haupteinkaufstag auf der Mahü, könne er eigentlich auch zusperren. Denn im Webshop verkauft er mehr als im Laden.