Wien. Leichter Druck auf den Auslöser genügte, damit ein Vater und seine Tochter aus Moskau auf einer Hausfassade in Wien wieder auftauchen. Diese Ehre wurde ihnen dank Stinkfish zuteil, der diesen Moment vor einigen Jahren in der russischen Hauptstadt mit seiner Kamera festgehalten hat. "Meine Arbeit basiert meist auf Porträts von Menschen, die ich auf meinen Reisen fotografiere", erzählt der Street Artist aus Kolumbien. Das Motiv vom Vater, der seine Tochter auf den Schultern trägt, fand er so reizvoll, dass er es auf eine graue Hausfassade im Richard-Waldemar-Park in Mariahilf überträgt.

Abgesehen von der Hebebühne, die den Künstler die 20 Meter hohe Hauswand hochfährt, arbeitet er nur mit Sprühdosen und sogenannten "Stencils", großen Schablonen aus Karton. Manchmal verwendet er als Vorlage für seine Arbeiten auch alte, vergilbte Fotografien, die er auf Flohmärkten ausgräbt. "Welches Porträt auf der Wand verewigt wird, hängt entscheidend vom Ausdruck ab, es muss aber auch zur Wand passen", sagt Stinkfish, der zu den bekanntesten Street Artists Lateinamerikas zählt und im Rahmen des Festivals Calle libre in Wien zu Gast ist.

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Politisches Moment

Großflächige, farbenfrohe Porträts verziert er mit Mustern, die den Bildern einen indigenen Charakter verleihen. Auch wenn diese Form der Street Art nicht selten unter die Kategorie der Behübschung von Straßen fällt, so findet sich in seinen Motiven durchaus ein politisches Moment. Stinkfish überwindet Grenzen, indem er in der einen Stadt einen Menschen fotografiert und das Gesicht in einer anderen Metropole als Mural im Stadtbild hinterlässt. Eine junge Frau aus Mexiko findet sich so in einem Straßenzug in Schanghai, ein Mädchen aus Phnom Penh ziert später eine Mauer in Kolumbien. Stinkfish trägt damit in gewisser Weise auch zur Völkerverständigung bei.

Er versucht, Menschen aus dem alltäglichen Leben zu zeigen. Denn in den Medien und der Werbung würde man seiner Meinung nach häufig nur berühmte Menschen sehen, die Zugang dazu haben. "Manche Street Artists malen Donald Trump oder Hillary Clinton auf die Wände. Mich interessieren vielmehr Menschen, die anonym in der Masse untergehen", sagt Stinkfish, der wie viele Street Artists seine echte Identität geheim hält. Auf seiner Website gewinnt man einen Eindruck, wie er arbeitet: Den Originalfotografien stellt er jene seiner bunten Arbeiten gegenüber.

Aufmerksamkeit versuchte der Künstler auch auf den Stamm der Lenca-Indianer in Honduras zu lenken. Zusammen mit zwei anderen Künstlern besuchte er mehrere Dörfer am Rio Gualcarque, abgelegene Regionen, die nur zu Fuß oder mit dem Pferd zu erreichen sind. Ein gigantisches Staudammprojekt bedroht dort die indigene Bevölkerung. Wird der Fluss gestaut, würden große landwirtschaftliche Flächen überschwemmt und hunderten Menschen der Zugang zum Wasser abgeschnitten werden. Die Menschenrechtsorganisation Copinh kämpft gegen das Kraftwerk, an dem auch europäische Konzerne beteiligt sind. Doch Kritiker des Mega-Projekts leben in ständiger Gefahr. Repressalien und Morddrohungen sind alltäglich. Heuer wurden bereits mehrere Umweltschützer ermordet, darunter die prominente Aktivistin Berta Caceres. Nur drei Monate nach ihrem Tod sollten die Künstler auf Einladung von Copinh Häuser von Dorfbewohnern bemalen. "Wir haben erst überlegt, ob es nicht zu gefährlich ist", sagt Stinkfish. Im Dorf sei die Atmosphäre angespannt gewesen, die Menschen hätten Angst gehabt. "Die Gefahr dort ist real und diese Realität wollten wir zeigen", sagt Stinkfish. Von den bunten Murals waren die Lencas begeistert, Street Art hatten die meisten zuvor noch nie gesehen.

Wien hingegen besuchte Stinkfish bereits mehrmals - auch wenn die Straße als urbane Fläche anders wahrgenommen als in lateinamerikanischen Städten. "Die Gesetze existieren bei uns natürlich, aber sie sind nicht so strikt wie hier. In Bogota gibt es viele verlassene Gebäude, es ist viel einfacher als in Wien, Graffiti zu malen", sagt der Künstler, der 2003 mit Street Art begann.

Street Art als Produkt

Ursprünglich studierte Stinkfish Grafikdesign. Doch mit dem Gedanken, nur für kommerzielle Zwecke zu arbeiten, konnte er sich nicht anfreunden. Seine Kreativität wollte er lieber in einem anderen Kontext - der Straße - ausleben. Inzwischen kann der Street Artist von seiner Kunst leben: Galerien in Paris, London und Chicago stellten bereits seine Arbeiten aus. Dass Street Art ihren Weg in museale Hallen gefunden hat und auf Auktionen zu hohen Preisen versteigert wird, findet Stinkfish allerdings nicht bedenklich. "Street Art ist ein Produkt, das auf dem Markt nachgefragt wird. Wir leben in einer kapitalistischen Welt. Dieses System erfasst alle Bereiche, auch die Street Art."