Wien. Annas feuerrote Haarbüschel fliegen um ihren Kopf. Euphorisch reckt sie die Arme in die Höhe. Im Takt der Musik pendeln sie hin und her. Mit geschlossenen Augen gibt sie sich dem Lied voll hin. "Atemlos durch die Nacht" dröhnt es über die Tanzfläche. Wie in Trance bewegen sich ihre Lippen zum Text. Doch ein Ruck holt sie auf den Boden der Tanzfläche zurück. Sie ist mit ihrem Rollstuhl gegen ein Tischbein gekracht. Anna lacht, greift zu den Reifen, schiebt zurück, dreht sich zweimal im Kreis.

Sie sitzt im Rollstuhl, seit sie denken kann. In früher Kindheit wurde Anna eine schwere Behinderung attestiert - Infantile Zerebralparese. Durch eine Störung des Nervensystems ist ihre Motorik stark eingeschränkt. Sie tanzt trotzdem. Und zwar jeden Freitag, inmitten Wiens legendärer Ausgehmeile, dem Gürtel.

Zwischen den altbekannten Gürtellokalen - dem Chelsea, dem B72, dem Q[kju] - wird auch im Club 21 jeden Freitag unter den Stadtbahnbögen Party gefeiert. An den anderen Tagen ist der Club 21 ein gewöhnliches Kaffeehaus. Mit der Ausnahme, dass die Kellner keine gewöhnlichen Kellner sind, sondern ausgebildete Behindertenbetreuer.

Denn der Club bietet kostenlose Freizeitangebote für Menschen mit Behinderung. Neben dem Kaffeehausbetrieb gibt es Mal-, Tanz-, Bastelgruppen - und eben die Disco. "Dabei richtet sich unser Angebot nicht ausnahmslos an Menschen mit Behinderung, sondern an alle Bürger der Stadt", sagt Monika Haider, Leiterin des Clubs. "Die Durchmischung verschiedenster Menschen ist uns wichtig. Jeder der über 18 Jahre alt ist, ist willkommen."

Doch das mit der Vermischung scheint nicht so richtig zu funktionieren. Die meisten Gäste leben in betreuten Wohngemeinschaften. Nur selten verirrt sich Laufkundschaft in den Club. Man muss schon von dem Lokal wissen, um es von außen zu erkennen. Die metallene Eingangstür wirkt nicht wirklich einladend. Auch Haider wünscht sich ein zentraleres Lokal für den Club21. "Wenn wir auf einer Einkaufsstraße wie der Mariahilfer Straße wären, würde unser Konzept sicher besser funktionieren", sagt sie. Im Grunde geht es darum, eine niederschwellige Möglichkeit für Menschen mit Behinderung zu schaffen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

"Aus dem Alltag geholt"


Denn ihr Tagesablauf folgt oft den immer gleichen Strukturen innerhalb geschützter Räume. Meist wird er von Angehörigen, oder den Mitarbeitern betreuter Wohngemeinschaften organisiert. Im Club 21 ist dies anders. Hier kommen sie eigenständig her oder werden von Fahrtendiensten gebracht. Ihre üblichen Bezugspersonen müssen nicht anwesend sein. Auf sich alleine gestellt, lernen sie Verantwortung zu übernehmen. "Kompetenzen, wie das Zahlen einer Rechnung, können so schneller erworben werden", sagt Haider.