Wien. Wenn man an den Tiergarten Schönbrunn denkt, fallen einem instinktiv Bilder ein, die das Herz von Tierliebhabern höher schlagen lassen. Erst gegen Ende vergangenen Jahres wurden zwei 100 Tage alte Pandazwillinge auf ihre Namen "Fu Ban" und "Fu Feng" getauft. Drollige Videos auf Social-Media-Kanälen inklusive - alles "business as usual", möchte man meinen. Dass der älteste Tiergarten der Welt aber zu einem Schauplatz von Diskriminierung werden könnte, ist nicht alltäglich. Mittendrin: die Europäische Union.

Denn den Tiergarten trifft nun eine EU-Verordnung: Sie untersagt die Haltung, Zucht und den Verkauf bestimmter gefährlicher Tierarten. Nämlich derjenigen, die allesamt aus dem EU-Ausland nach Europa verbracht wurden und sich hier etabliert haben - etwa aus Südamerika oder Asien. Die offizielle Begründung in der Verordnung gibt zunächst keinen konkreten Aufschluss: Es handelt sich dabei um Tiere, "die sich außerhalb ihres natürlichen Ursprungsraumes ausbreiten und dadurch eine Gefahr für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt darstellen".


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Liste invasiver Pflanzen und Tiere laut EU-Verordnung
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In Schönbrunn werden vier Tiere gehalten, die sich auf der Liste der insgesamt 37 verbotenen Tier- und Pflanzenarten befinden: Muntjaks (chinesische Kleinhirsche), Nasenbären, Rotwangenschmuckschildkröten und Nutrias (Biberratten). Welche Gefahren gehen von den sogenannten ‚invasiven Tierarten' für die heimische Artenvielfalt und das Ökosystem aus? Werden diese aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert?

"Es handelt sich um Tiere, die durchsetzungskräftiger gegenüber den heimischen Arten sind. Das kann den Lebensraum oder die Futterbeschaffung betreffen aber auch den Umgang mit Krankheiten", sagt Anton Weissenbacher, Zoologischer Abteilungsleiter im Tiergarten Schönbrunn, zur "Wiener Zeitung". Bei der Biberratte etwa komme ein weiterer Aspekt hinzu, der auch gesamtwirtschaftliche Schäden anrichten könne: "Diese können etwa Hochwasserdämme nutzen, wo sie herumgraben. Das können die lokalen Arten nicht. Die Dämme werden dadurch zerstört."

Warum diese Arten in einem geschützten Umfeld wie einem Zoo eine Gefahr darstellen, versteht Weissenbacher hingegen nicht: "Dort können sie keinen Schaden anrichten. Zoos sind darauf spezialisiert, Tierarten sicher unterzubringen, damit sie nicht ausbrechen. Deshalb sind Zoos auch nicht der Grund warum es ‚invasive Arten‘ gibt. " Das Problem für den Tiergarten Schönbrunn bestehe darin, dass diese Tierarten künftig nicht mehr den Besuchern gezeigt werden könnten, und dass eine Aussetzung in der Natur Gefahren mit sich bringe.

Aus diesem Grund pocht der Zoologe auf eine Ausnahmeregelung von der EU-Verordnung: Für europäische Zoos sollte die Haltung derartiger Tierarten erlaubt bleiben.

Das EU-Verbot bringt jedoch bereits jetzt weitreichende Änderungen mit sich. Im Leipziger Zoos wurden etwa aufgrund dessen Muntjaks an Raubtiere verfüttert. In Schönbrunn hat man auf Ebene der Haltung eine andere Zwischenlösung gefunden: "Die betroffenen Tierarten bleiben derzeit auf aktuellem Status und die Haltungen laufen aus", so Weissenbacher. Bedeutet: Die Tiere werden bis zum natürlichen Tod gehalten, nur in Ausnahmefällen weitere eingekauft. Im Fall dersechzig Rotwangenschmuckschildkröten (Ursprungsland: Nordamerika) kann dies noch eine Weile dauern, sie werden bis zu 60 Jahre alt. Die zwei Biberratten (Ursprungsland: Mittel- und Südamerika) würden hingegen nur noch rund drei Jahre leben, so Weissenbacher.

Auch die Planungssicherheit wird durch die EU-Regelung aufgeweicht: So hat man etwa für die sechs Nasenbären erst 2014 ein neues Gehege gebaut. Das wäre in Zukunft obsolet: "Das war eine extreme Investition. Wenn wir in Zukunft keine Nasenbären mehr halten dürfen, müssten wir wieder umbauen", sagt Weissenbacher. Dazu kommt, dass immer neue Tierarten von der EU-Kommission auf die "Schwarze Liste" gesetzt werden können.

Bleibt die Frage nach der Diskriminierung ausländischer Tierarten. Werden Nationalismen nun auch auf dem Rücken der Tiere ausgetragen? Auf den ersten Blick scheint offensichtlich, dass man von Seiten der EU einer Verdrängung des europäischen Bestandes entgegenwirken will. So sagte EU-Umweltkommissar Karmenu Vella bei der Präsentation der Verbots-Liste vergangenen Sommer: "Manche Tier- und Pflanzenarten können Grund und Boden, Ernten und Viehherden schädigen, weshalb wir sie möglichst fern- oder zumindest unter Kontrolle halten müssen." Das Problem koste die EU jährlich zwölf Milliarden Euro. Aber steckt da noch mehr dahinter?

Diskriminierung nicht auszuschließen

Der Zoologischer Abteilungsleiter Weissenbacher schließt eine Diskriminierung nicht aus: "Ich finde diesen Zugang nicht positiv. Es ist eine Einschränkung, die man gut überdenken muss. Durch diese Tierarten kann auch viel Wissen in der Forschung verbreitet werden. Man beschneidet also eine Grundlagenforschung." Der Ökologe der Universität Wien und des Umweltbundesamtes, Franz Essl, relativiert die Thematik für Österreich. So gebe es bundesweit insgesamt 600 nicht-heimische Tierarten: "Bei der Mehrzahl davon gibt es keine negativen Auswirkungen. Daher kann man nicht sagen: Die nicht-heimischen sind an sich schlecht. Österreich ist sicher kein Hotspot ‚invasiver Tierarten'." Von der Liste der 37 verbotenen Tier- und Planzenarten würden "die Hälfte" aufgrund des Klimas "nie vorkommen", so der Ökologe. Zoos würden nur eine untergeordnete Rolle beim Verbot spielen, vermehrt seien private Tierhalter betroffen.

Der Tiergarten Schönbrunn hofft wie erwähnt auf eine EU-Ausnahmeregelung: Der EAZA, ein Verband europäische Zoos, werde sich darum in Brüssel bemühen.