Wien. Vielleicht lesen Sie diese Zeilen gerade beim Frühstück. Oder auch bei einer nachmittäglichen Pause im Kaffeehaus. Dazu eine Mélange oder einen Espresso? Wenn Sie jetzt noch kein Tablet oder Smartphone in der Hand haben, sondern die Druckerschwärze auf dem Papier an den Fingerkuppen spüren können, entsprechen Sie gerade einem klassischen Wiener Bild. Das gemütliche Zeitungslesen ist in den Wiener Kaffeehäusern schon seit jeher kultureller Bestandteil und wie ein Verlängerter kaum wegzudenken.

In den klassischen Kaffeehausszenen und selbst in Zeiten von Starbucks und McCafé ist diese Tätigkeit stets anzutreffen, egal ob mit Tageszeitung oder Magazin. Auch die hölzernen Zeitungshalter sind in Wiens Cafés mehr oder minder Standardinventar. Wenn die Zeit es zulässt, kann die Verfügbarkeit einer Zeitung auch über "coffee to go" oder "to sit" entscheiden. Denn immerhin liest es sich am Kaffeehaustisch entspannter als in der U-Bahn, den Kaffeebecher in der anderen Hand balancierend. Außerdem ist die Zeitung im Café gratis, auch wenn man sie nicht mitnehmen darf.

"Orte der Debatte"

Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und die Wiener Wirtschaftskammer heben diesen Aspekt der Wiener Kaffeehauskultur diese Woche zum dritten Mal in Folge hervor. Im Zuge der "Woche des Zeitungslesens in Wiener Kaffeehäusern" stockt der VÖZ die Ständer vieler Cafés in der Donaumetropole mit 100.000 Exemplaren von 35 verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazinen auf. Als zusätzlicher Anreiz liegen in den teilnehmenden Kaffeehäusern Flyer für ein Gewinnspiel auf, bei dem 30 Frühstücke für zwei sowie fünf Jahresabonnements einer Zeitung oder eines Magazins nach Wahl verlost werden.

"Wir kamen vor drei Jahren auf die Idee für die Aktion, da wir der Ansicht sind, dass zwischen Zeitungs- und Kaffeehauskultur viele Parallelen existieren", erklärt Markus Kiesenhofer vom VÖZ im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Sowohl Zeitungen als auch Kaffeehäuser sind Orte der Debatte und des Austausches", meint er. An der Aktion beteiligen sich über 100 Kaffeehäuser, so Kiesenhofer. "Vor allem die renommierten Lokale sind dabei, also nicht jede Starbucks-Filiale", merkt er an.

Der VÖZ verstehe die Aktion sowohl als Zeichen für die Kaffeehaus- als auch die Zeitungskultur. "Da schwingt jetzt zwar etwas Pathos mit, aber gerade Tageszeitungen sind dafür bekannt, nicht unbedingt das Fast Food der Informationskultur zu sein", so Kiesenhofer, der Zeitunglesen auch als eine Form der Entschleunigung und Entspannung bezeichnet. Sowohl Kaffeehäuser als auch Printzeitungen sind wachsendem Druck ausgesetzt. Erstere von Coffee-Shop-Ketten, Zweitere von Online-Newsportalen und Diensten wie Google News. Dass die "Woche des Zeitungslesens" auch als Anschubkampagne für Print und Café gedacht ist, ist wohl schwer von der Hand zu weisen und auch im Interesse des VÖZ. "In Zeiten des digitalen Wandels ist jede Aktion, mit der man Bewusstsein für gut recherchierte Informationen schaffen kann, sinnvoll und nötig", bekräftigt Kiesenhofer.

"Inbegriff von Ruhe"

"Das traditionelle Wiener Kaffeehaus lädt einfach zum Verweilen ein, dass man statt einem Kaffee dann auch mal zwei trinkt", erklärt Wolfgang Binder, Obmann der Fachgruppe Kaffeehäuser der Wirtschaftskammer Wien. Mittlerweile würden auch Kaffeehausketten Tageszeitungen anbieten, aber das Angebot sei nicht so groß wie in den klassischen Cafés. Die Aktion solle den traditionellen Wiener Kaffeehäusern wieder mehr Aufmerksamkeit schenken, so Binder.

Albert Renner sitzt Montagvormittag im Café Raimund. Seinen freien Tag nutzt er für ein verlängertes Frühstück abseits des gewohnten Küchentischs. Neben dem doppelten Espresso liegt auch die aufgeschlagene Ausgabe seiner Lieblings-Tageszeitung. Für ihn gibt es kaum eine schönere Art, seinen freien Tag einzuläuten. "Sonst habe ich nie die Zeit, gemütlich Zeitung zu lesen. Für mich ist so was im Kaffeehaus halt der Inbegriff von Entspanntheit und Ruhe, da verbring ich auch gern mal den ganzen Vormittag hier. Außerdem ist es auch ein Tapetenwechsel", erklärt er.

Der Fotograf bezeichnet sich selbst auch als Traditionalist, was seinen Medienkonsum angeht. "Für mich ist das Internet, so toll es ist, in dieser Hinsicht schon fast ein Rückschritt in die Steinzeit, weil einfach jeder ungefiltert seine Kommentare abgibt und als Fakten darstellt", philosophiert Renner. Ihm gegenüber sitzt eine junge Frau, die am Bildschirm ihres Smartphones hängt und liest. "Außerdem funktioniert die Zeitung immer", meint er schmunzelnd. Dabei zeigt er auf sein Smartphone, das er vergessen hat aufzuladen, und deutet auf die rot blinkende Akku-Anzeige. Im nächsten Atemzug bestellt er seinen zweiten Espresso.

Der Vormittag ist noch lang. "Für die Gäste ist das Zeitunglesen sehr wichtig. Nicht nur in der Früh, auch noch am späteren Vormittag oder Abend", erzählt einer der Kellner des Raimunds. "Da bleiben sie auch dann drei oder vier Stunden sitzen." Es gebe auch selten Nahfragen nach bestimmten Titeln, da das Kaffeehaus grundsätzlich alle großen Tageszeitungen aufliegen habe. Ob die Gäste aber speziell wegen der Zeitungen kommen und das Café sonst spärlicher besucht wäre, kann der Kellner auch nicht genau abschätzen. "Wir wissen es nicht, aber wir wollen es auch nicht ausprobieren", meint er lachend.