Wien. Um 5.09 Uhr steigt Rossner in Hütteldorf in einen Zug und verlässt die Remise. Die U4 ist Rossners Heimatlinie, er fährt fast immer dort. "Man sieht die ersten Sonnenstrahlen und die schönen alten Gebäude. Sie ist meine Lieblingslinie", sagt er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Auf den anderen Linien fährt der 46-Jährige nur ab und zu, um die Fahrberechtigung nicht zu verlieren. "Die U2 ist auch interessant, weil man viel draußen fährt, und die U1 Verlängerung bis Oberlaa, wenn man rausfahren kann, ist sicher auch schön", sagt er.

Noch ist es dunkel auf der Strecke, nur in der Fahrerkabine leuchten die bunten Bedienungsschalter. In den frühen Morgenstunden fahren die U-Bahnfahrer "mit der Hand" und lenken die Züge selbst. So wollen die Wiener Linien sicherstellen, dass die Fahrer die "Handfahrt" nicht verlernen. Auf bis zu 80 Stundenkilometer beschleunigt der Zug. "Er könnte bis zu 150 km/h fahren", sagt Rossner, aber das ließe das Linienzugsbeeinflussungssystem (LZB) nicht zu. Das LZB wird zentral gesteuert und regelt für jeden Streckenabschnitt die Geschwindigkeit.

In der Endstation in Hütteldorf eilt Michael Rossner zum anderen Ende des Zuges. - © Peter Hruska
In der Endstation in Hütteldorf eilt Michael Rossner zum anderen Ende des Zuges. - © Peter Hruska

Nach ein paar Stationen steigt eine Linienkoordinatorin in die Fahrerkabine zu. Ein Fahrer hat gemeldet, dass die Gleise rutschig sind. Die Koordinatorin soll klären, wo genau und woran es liegt. Die Leitstelle gibt den "Bremsweg lang" aus. Rossner führt ein paar Bremsproben durch. In der Station Schottenring kommt der Zug erst spät zu stehen. "Oioioi, da wären wir jetzt fast durchgerutscht. Das war knapp", ruft er aus. Es stellt sich heraus, dass bei der Nachtreinigung der Stationen Schwedenplatz und Schottenring Seifenwasser auf die Schienen geronnen ist.

Dass die Schienen glatt sind, kommt immer wieder vor. Auch Nieselregen oder herab fallendes Laub sind mitunter die Ursache.

Langsam wird es hell, die Bahnsteige werden immer voller. Gegen 6.30 Uhr wird die Fahrt auf Automatik umgestellt. Dann müssen die U-Bahn-Fahrer nur mehr drei Knöpfe bedienen: Einen, um die Türen zu öffnen, einen, um sie zu schließen, und einen, um die Automatik wieder zu starten. "Ich fahr’ gern automatisch", sagt Rossner. "Den Fahr- und Bremshebel ständig zu halten, ist mit der Zeit anstrengend." Auch, dass die Ansage "Zug fährt ab" 2002 automatisiert wurde, findet er gut. "Man ist sich schon etwas blöd vorgekommen, wenn man das hunderte Mal am Tag gesagt hat", sagt er schmunzelnd.

Fahrerlose Züge in der U5

Auf der neuen Linie U5 werden die Züge überhaupt vollkommen automatisiert und fahrerlos unterwegs sein. "Für mich wird das aber nicht so relevant sein", sagt Rossner. "Bis das auf die U4 kommt, bin ich in Pension."

Zehn Jahre soll es den Wiener Linien zufolge noch dauern, bis fahrerlose Züge Realität werden. An den Bahnsteigen werde man aber trotzdem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigen, heißt es von Seiten des Unternehmens. Etwa um die Fahrgäste dazu aufzufordern, die Regeln einzuhalten und die Abfahrt des Zuges nicht zu verhindern.

"Die Leute schimpfen über Verspätungen. Dabei sind sie zu 95 Prozent von ihnen selbst ausgelöst", sagt Rossner. "Mir ist es auch schon passiert, dass ich abfahren möchte und in den Spiegel am Bahnsteig schaue und jemand steht davor und richtet sich die Haare. Das sind dann die witzigen Momente."

Auch heute hat der Zug Verspätung. Diesmal sind aber nicht die Fahrgäste, sondern die rutschigen Schienen die Ursache. Rossner wendet den Zug daher nicht in der Endstation Heiligenstadt - das würde vier bis fünf Minuten in Anspruch nehmen -, sondern eilt im Laufschritt zur anderen Seite des Zuges, um die Fahrt fortzusetzen. Leicht aus der Puste macht er es sich im weich gepolsterten Fahrerstuhl bequem und fährt los. "Ich bin an die freie Fahrt gewöhnt. Ich fahr’ überhaupt nicht mehr gern Auto", sagt er. Dass er U-Bahnfahrer wird, und noch dazu ein Begeisterter, der in seiner Freizeit U-Bahnen fotografiert, hat Rossner selbst nicht erwartet. Bis 1999 war er in der Privatwirtschaft in einer Führungsposition tätig. Durch einen Freund hat er von der Aufnahmeprüfung erfahren, sie bestanden und ist geblieben.

Hohe Fluktuation

Anders als viele seiner 490 Kollegen und Kolleginnen. "Die Fluktuation bei uns ist hoch", sagt Rossner. Doch er ist mit seinem Beruf zufrieden: "Das Tolle an dem Job ist, dass alles vorgegeben ist. Manche sagen: ‚Mir ist dieses Korsett zu eng.‘ Aber mir gefällt genau das gut."

Um 7.05 Uhr wird Rossner in der Station Schottenring von einem anderen Fahrer abgelöst und hat 16 Minuten Pause. "Sich an die Zeit zu halten, ist das Um und Auf in diesem Beruf", sagt er. Ein Kollege und eine Kollegin von der Teamleitung und einige andere Fahrer sind im Pausenraum. Rossner gießt sich eine Tasse Tee ein, man plaudert ein bisschen.

Kontakt zu Fahrgästen hat der 46-Jährige nicht besonders oft. "Und wenn, ist er fast immer unangenehm", sagt er. "Manche kommen vor und regen sich auf, dass jemand im Zug das Fenster aufmacht. Da sag ich: ‚Das müssen sie sich schon selbst ausmachen.‘" Besonders ungehalten seien die Menschen, wenn man in der Früh mit dem ersten Zug zu spät komme. "Da sieht man Fäuste am Bahnsteig."

Anfang 2016 ist Rossner sogar einmal zusammengeschlagen worden. "Ein Fahrgast ist zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Da liegt einer und braucht Hilfe.‘ Ich bin hin und da klopft einer an die Scheibe und sagt: ‚Ich sitze eh schon wieder.‘" Als der U-Bahn-fahrer ihn darauf hinweist, die Füße von den Sitzen zu nehmen, kassiert er mehrere Schläge. Nur ein Fahrgast sei ihm zu Hilfe gekommen und hätte den Aggressor vertrieben. "Und das in einem vollen Zug um 18 Uhr. Das ist ein gesellschaftliches Problem", sagt Rossner. Im Anschluss wurde er von einem Psychologen der Wiener Linien betreut. "Heute würde ich anders handeln und mehr Abstand halten", sagt er.

Psychologische Betreuung

Es war nicht das erste Mal, dass Rossner psychologisch behandelt werden musste. 2006 hat er eine "Überführung" erlebt. So nennen es die U-Bahnfahrer, wenn ein Mensch überfahren wird. "Ich habe nur ein Rumpeln gespürt. Man kann da gar nichts machen", sagt er und schüttelt den Kopf. Manchen Kollegen wäre das schon fünf bis sechs Mal passiert.

Im Schnitt kommt es etwa einmal im Monat zu einem Suizid in den U-Bahnen Wiens. Seit die Medien nicht mehr darüber berichten, würden die Fälle abnehmen, sagt ein Kollege von der Teamleitung. Rossner nickt nachdenklich. Seine Pause nähert sich dem Ende. Er geht zum Bahnsteig und setzt die Fahrt fort.