Wien. Kurz nach 18 Uhr ist am Mittwochabend im Bundesrechenzentrum (BRZ) eine Ära zu Ende gegangen. "Der Orange", so der Name des letzten der beiden Paternoster-Aufzüge, ist nach 45 Dienstjahren in die wohlverdiente Pension geschickt worden. Damit geht das Paternoster-Sterben in Wien weiter. Sein "grüner Bruder", das zweite ebenfalls im Haus befindliche Exemplar, war schon einige Tage zuvor stillgelegt und mit Holzplatten abdeckt worden. "Ich bin heute Vormittag noch einmal mit dem Paternoster gefahren und es spielte eine gewisse nostalgische Wehmut mit", sagte Pressesprecher Alexander Aigner am Mittwoch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Die Entscheidung für das Aus des "alten Herrn" sei übrigens nicht vom Bundesrechenzentrum gekommen. "Wir sind nur die Mieter hier, Eigentümerin ist die Bundes-Immobliengesellschaft, und die hat das Aus besiegelt", ergänzt der Sprecher. Die genannten Hauptgründe waren der hohe Stromverbrauch, die exorbitanten Wartungskosten und das Fehlen der Barrierefreiheit - die "Wiener Zeitung" hat berichtet. Statt den beiden alten "Rattermaschinen", wie sie oft genannt werden, sollen moderne Aufzüge eingebaut werden und die anderen Aufzüge des Hauses entlasten.

Farewell-Party und Selfies

Zuvor ließ das Management des Bundesrechenzentrums aber noch einmal den Paternoster mit einer Farewell-Party hochleben. Am Mittwochnachmittag durften die Mitarbeiter und deren Angehörigen ein letztes Mal das Paternoster-Feeling genießen, Selfies und Videos machen und gebührend Abschied nehmen. "Die Mitarbeiter sind allesamt sehr traurig, wenngleich man auch die Modernisierung nicht aufhalten kann", meint Aigner.

Die "Wiener Zeitung" hat alle noch existierenden Paternoster (siehe Kasten) in Wien unter die Lupe genommen, viele sind es aber nicht mehr, denn man kann sie mit zwei Händen abzählen und sie sind zumeist nicht für die öffentliche Nutzung vorgesehen.

Es gibt noch einen im Wiener Rathaus bei Stiege 6 nahe dem Nordeingang Felderstraße, der seit 1918 fährt. Ein weiterer dreht im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz 4 seine Runden und gilt als der weltweit älteste noch in Betrieb befindliche Paternoster. Außerdem fährt noch ein kleiner im Bürogebäude Trattnerhof 2 in der Nähe des Grabens in der Innenstadt.

Im Bürogebäude der Versicherungsanstalt für Eisenbahnen und Bergbau, Linke Wienzeile 48-52, im 6. Bezirk, gibt es ebenfalls noch ein Exemplar, das nur für die Mitarbeiter zur Verfügung steht, derzeit aber nicht in Betrieb ist und bis Ende 2017 wiederhergestellt werden soll. Zwei weitere stehen im Besitz der Wiener Städtischen Versicherung, einer im Liebermannhof in der Oberen Donaustraße 49-53 und einer im Ringturm am Schottenring 30 in der Innenstadt. Schließlich gibt es einen Mitarbeiter-Paternoster im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (MLFUW) am Stubenring 12.

Immer, wenn ein Exemplar stillgelegt wird, entflammt auch die Sinnfrage und die Debatte über Vor- und Nachteile. Nostalgiker gegen Modernisten quasi. Fangen wir mit der Haben-Seite an: Man kann mit diesem Aufzug mit ständiger Verfügbarkeit für beide Richtungen (auf- und abwärts) ohne längere Wartezeit fahren, wodurch insbesondere ein schneller Wechsel zwischen nahe beieinander liegenden Stockwerken möglich ist, sowie die sehr hohe Förderleistung ähnlich der einer Rolltreppe.

Zwar liegt die Geschwindigkeit eines Paternosters mit etwa 0,20-0,45 Metern pro Sekunde unter der eines herkömmlichen Aufzuges, doch ist bei gleich geringem Platzbedarf in der Regel kein Aufzug in der Lage, eine ähnlich große Menge an Personen in der gleichen Zeit zu befördern. Menschen mit einer Aufzugsphobie, die die Lifte wegen der Enge einer vollständig geschlossenen Kabine, wegen der höheren Geschwindigkeit oder wegen der beim Anfahren und Abbremsen wirkenden Kräfte nicht oder ungern nutzen, finden im Paternoster eine willkommene Alternative.

Dann kommen die Kritiker und wettern gegen das Juwel aus vergangenen Zeiten. Ein Manko ist demnach die geringe Geschwindigkeit, die längere Fahrzeit zwischen weiter entfernten Ausstiegen und der Geräuschpegel. Wegen dieser Grundparameter scheiden Paternoster auch für einen Einbau in Hochhäuser aus. Ein anderer Nachteil ist, dass Lastentransporte tabu sind.

Auch die Unfallgefahr ist größer: Man muss schnell reagieren und genau im richtigen Moment rein- und rausspringen, denn dieser Aufzug stoppt nicht. Daher kostet das Betreten und Verlassen der Kabinen während der Fahrt manchen Benutzern eine gewisse Überwindung. Absolut ungeeignet ist der Aufzugs-Dino auch für ältere oder gebrechlichere Menschen, für Menschen mit Mobilitätsbeschränkungen, sowie für Rollstuhlfahrer.

Damit ein Einklemmen verhindert wird, sind Paternoster an den Einstiegen auf Höhe der Fußböden der Stockwerke mit nach oben öffnenden Klappen ausgestattet. Dies verhindert ein Einklemmen bei nach oben fahrenden Kabinen. Letztlich ist auch der verminderte Brandschutz, da sich im Falle eines Brandes das Feuer einfach über mehrere Stockwerke eines Hauses ausbreiten kann, ein Grund, warum der Paternoster immer wieder abgetragen wird.