Es wird wieder gedampft: Am Sonntag ist Saisoneröffnung im Strasshofer Eisenbahnmuseum, jenes in Schwechat sperrt am 1. Mai wieder auf. J. Ziegler
Es wird wieder gedampft: Am Sonntag ist Saisoneröffnung im Strasshofer Eisenbahnmuseum, jenes in Schwechat sperrt am 1. Mai wieder auf. J. Ziegler

Wien/Strasshof. "Lola, die große Dampflok, ist alt, wie jeder weiß. Lola, die große Dampflok, steht auf dem letzten Gleis. Die E-Loks brausen flott vorbei, sie lachen alle sehr, rufen: ‚Altes Dampfgespenst, keiner braucht dich mehr!‘ Lola macht das gar nichts aus, weil schon bald der Sonntag naht. Da kommen viele Kinder her, es geht auf große Fahrt . . ."

Besser als Freddy Gigele in seinem Kinderlied "Lola Lokomotive" lässt sich der Saisonstart im Eisenbahnmuseum Strasshof an der Nordbahn diesen Sonntag (jenes in Schwechat öffnet am 1. Mai wieder) eigentlich nicht beschreiben (das Video dazu würde übrigens genau dort gedreht). Denn nicht nur Kinderaugen leuchten, wenn ab 10 Uhr die tonnenschweren, rußenden Ungetüme aus der Remise gelassen werden und das Gelände befahren, auf dem insgesamt fast 400 Fahrzeuge stehen. Schließlich ist es für viele (Groß-)Eltern auch eine nostalgische Reise zurück in die Kindheit.

So auch für Susanna Kremser, Schriftführerin des 1. österreichischen Straßenbahn- und Eisenbahnklubs, der das Eisenbahnmuseum Strasshof betreibt. "Die Technik ist faszinierend, das bewegt sich, das lebt. Bei den heutigen Loks ist alles automatisch, da sieht man ja nichts mehr von der Technik", meint sie. Und auch das Vereinsleben macht ihr nach mehr als 30 Jahren immer noch Spaß. Der Verein hat rund 500 Mitglieder, von denen 50 bis 80 regelmäßig aktiv sind. "Sehr viele verbringen ihre gesamte Freizeit damit, die guten alten Stücke herzurichten oder den Museumsbetrieb am Laufen zu halten." So gibt es neben den großen Loks und Waggons auch noch eine Garteneisenbahn unter Dampf, auf der man eine Runde drehen kann, und etliche Modellbahnanlagen.

Ein grüner Salonwagen für den Bundespräsidenten

Am Sonntag wird auch der ehemalige Salonwagen von Bundespräsident Franz Jonas aus dem Jahr 1966 präsentiert, der über den Winter hergerichtet wurde und sinnbildlich für die Arbeit im Eisenbahnmuseum steht: Nachdem in den 1960ern auch Queen Elizabeth damit gefahren war, wurde der Waggon 1995 unter Präsident Thomas Klestil eingemottet und danach von den ÖBB für Erlebniszüge benutzt. "Man hat ihn damals neu lackiert, aber der Lack ist großflächig abgeplatzt, das waren insgesamt 17 Schichten, die sich untereinander nicht vertragen haben", erzählt Kurator Rupert Gansterer. Das Team des Eisenbahnmuseums hat das unter Denkmalschutz stehende Fahrzeug dann händisch komplett entrostet und wieder im Originalgrün lackiert, samt authentischer Beschriftung. "Es bräuchte noch ein Service, dann könnte Alexander Van der Bellen ein Dienstauto einsparen und ihn wieder in Dienst stellen. Ich hätte auch noch eine grüne E-Lok anzubieten", meint Gansterer schmunzelnd. Nachsatz: "Billiger als das Auto wäre es aber sicher nicht."

Apropos Salonwagen: Nostalgiezüge boomen auch außerhalb der Eisenbahnmuseen. So bietet Christian Brenners Unternehmen B & B Blue Train Nostalgiefahrten an, die nächste Dampffahrt führt am 22. April in die Wachau zur Marillenblüte, am 28. Mai geht es mit einer historischen E-Lok zum Bad Ausseer Narzissenfest. Auch Brenners Waggons sind historisch, darunter etwa der Salonwagen des ersten Bundespräsidenten der BRD, Theodor Heuss. Der Bestand geht zum Teil noch auf seinen Vater zurück, der ab 1978 den ÖBB Dampfloks abkaufte. Inzwischen agiert B & B Blue Train auch als Reisebüro: "Wir können komplette Reisen gestalten."

Mehr Symbiose als Konkurrenz in der Szene

Ohne Kooperationen geht freilich nichts in der Szene. So sind an der Auslandsfahrt nach Krakau auch noch der Verein Nostalgiezug und Metrans Railprofi Austria beteiligt. Letztere besorgt die notwendigen Genehmigungen, um den Zug überhaupt aufs öffentliche Gleis stellen zu können. Es ist mehr Symbiose als Konkurrenz, "wir helfen einander aus", sagt Nostalgiezug-Betriebsleiter Christian Schuller. Zuletzt stellte etwa Metrans die Lok und Blue Train die Waggons. Und Metrans-Chef Wolfgang Stütz stellt fest: "Kostendeckend eine Eisenbahn zu betreiben, ist nicht einfach." Die Nostalgiebahnen haben auch die Wirtschaftskrise gespürt, "aber wir haben jetzt wieder Aufwind, der österreichische Markt hat sich positiv entwickelt", meint Brenner.

Links: Unterwegs im Salonwagen von B & B Blue Train. Rechts: Im Führerstand einer alten Dampflok im Eisenbahnmuseum. - © Johann Ziegler
Links: Unterwegs im Salonwagen von B & B Blue Train. Rechts: Im Führerstand einer alten Dampflok im Eisenbahnmuseum. - © Johann Ziegler

Und die (Stamm-)Kundschaft liebt auch den Genuss. So hat der Gründer von Majestic Train de Luxe, Gottfried Rieck, auf Luxuszugfahrten gesetzt. Inzwischen ist er in Pension und blickt zurück: "Ich habe als 15-Jähriger die Schule beendet, weil ich unbedingt Lokführer werden wollte, und bin zu den ÖBB gegangen. Dort war ich unter anderem Heizer - und Jahrzehnte später bin ich Dampflokbesitzer geworden." Was auch im 21. Jahrhundert die Menschen an alten Zügen so fasziniert, hat für ihn ein Psychiater einmal treffend formuliert: "Der Mensch ist ein Höhlentier. Und im Zug hat er dieses Höhlenerlebnis. Das habe ich auch selbst in den 25 Jahren, die ich meine Firma geführt habe. Je schlechter das Wetter draußen, desto besser ist die Stimmung im Zug." Und er hat noch ein Zitat parat: "In so einem Zug kann die Seele mit dem Körper mitreisen. Ansonsten ist man ja immer viel zu schnell unterwegs."

Dem stimmt Brenner zu: "So eine Zugfahrt ist einfach gemütlich. Es ist
nicht bloß ein Transport von A nach B, sondern ein Teil des Events." Das
sehen auch die Fahrgäste so, selbst die jüngsten: "Man kann sich die
Gegend in Ruhe anschauen. Und so ein alter Waggon ist ja total
spannend", stellt der zehnjährige Oliver fest. Und seine Oma Evelyn
Kainzbauer ergänzt: "Ich finde es schön, dass man das Alte, Gemütliche
schätzt. Ich finde es wichtig, auch den Kindern diese Nostalgie zu
vermitteln. Die Moderne hat viel Positives, aber man soll auch das Alte
in Ehren halten."