Wien. 6300 Liter Abwasser strömen jede Sekunde in die Pforten der Hauptkläranlage Wien in Simmering. Im ersten Gebäude der Anlage, kann man über die Brüstung gebeugt die braun gefärbten und von kleinen Teilen durchsetzten Wassermassen der Millionenstadt beobachten, wie sie in die Anlage fließen. Am Geländer hängt ein oranger Schwimmreifen, in 37 Jahren sei er aber noch nie zum Einsatz gekommen, sagt Karl Wögerer, Leiter der Kommunikation der Hauptkläranlage Wien zur "Wiener Zeitung". "Gott sei Dank, ist noch nie jemand ins Abwasser gefallen."

Mit riesigen spiralenförmigen Schneckenpumpen wird das Abwasser zu Rechen befördert, die die gröbsten Teile aus dem Wasser filtern - Toilettenpapier, Damenhygieneartikel, Kondome, Essensreste, Zigarettenstummel oder gar Handys. "Wir appellieren immer an die Menschen: ‚Das Klo ist kein Mülleimer‘", sagt Wögerer. Betrachtet man den stinkenden Unrat, den die Maschinen ans Tageslicht befördern, ist klar, dass viele diesen Appell bisher nicht beherzigt haben.

Energieverbrauch der Kläranlage ist extrem hoch


Obwohl die Kläranlage am tiefsten Punkt Wiens errichtet wurde und das Abwasser im freien Gefälle eintrifft, benötigt die Säuberung des Wassers enorm viel Energie: etwas mehr als ein Prozent des von Wien Energie jährlich erzeugten Stroms. Ab 2020 will man das durch das Projekt E_OS ändern, ab dann soll aus Klärschlamm mehr Energie erzeugt werden, als die Kläranlage selbst verbraucht. Um das zu erreichen, laufen seit zwei Jahren die Umbauarbeiten an den Anlagen. Ende Juni geht der erste Teil der neuen Belebungsbecken in Betrieb.

"Durch den Bau neuer Belebungsbecken, die deutlich höher sind als die alten und so weniger Platz brauchen, schaffen wir Raum für sechs jeweils 30 Meter hohe Faulbehälter", sagt Wögerer. In diesen wird künftig Klärgas entstehen, das anschließend in Blockheizkraftwerken in Energie umgewandelt wird.

"Die Technologie, Schlamm in Faulbehältern zu Klärgas umzuwandeln und zu verbrennen, ist nicht neu." Aber das Verfahren, das gemeinsam mit der TU Wien entwickelt wurde, sei innovativ. "Niemand hat dadurch eine so hohe Energieausbeute wie wir." Das Projekt stößt daher auch auf internationales Interesse. Man habe "jede Menge Delegationen da", sagt Wögerer.

Umbau bei laufendem Betrieb als Herausforderung


Bis zu 150 Menschen sind derzeit, unterstützt von sechs Kränen, auf der Großbaustelle beschäftigt. Der Umbau bei laufendem Betrieb stelle eine logistische Herausforderung dar. Bisher sei man aber voll im Zeitplan, heißt es von Seiten der Stadt, die Eigentümerin der Kläranlage ist.

Drei Viertel der neu gebauten Vorklärbecken sind bereits in Verwendung, derzeit laufen die abschließenden Arbeiten für die Inbetriebnahme der ersten biologischen Reinigungsstufe, in der Mikroorganismen wie Pantoffeltierchen oder Glockentierchen die Verschmutzungen aus dem Abwasser filtern und schließlich "vollgefressen" an den Boden sinken. "Die Schwerkraft ist unser bester Freund", sagt Wögerer.

Damit die Mikroorganismen gut gedeihen, wird das Abwasser, wie auch bisher in den alten Becken, mit Tellerbelüftern aufgesprudelt und so mit Luft versorgt. Diese Belebung der Becken benötigt die meiste Energie.

Die Bauarbeiten an der neuen Schlammbehandlungsanlage mit ihren sechs Faulbehältern starten im Sommer dieses Jahres. 250 Millionen Euro werden in das Projekt, das zu einer energiepositiven Kläranlage führen soll, insgesamt investiert. Am Ende wird sich das Abwasser durch seine eigene Energie reinigen.

20 Stunden dauert der Klärungsprozess. Nachdem das Abwasser eine mechanische und zwei biologische Reinigungsstufen mit Mikroorganismen durchlaufen hat, wird es in die Donau geleitet. "In den 80er Jahren war das Wasser zu 85 Prozent geklärt, heute sind es 98,7 Prozent", sagt Wögerer. "Die Donau verlässt Wien in derselben Qualität, in der sie in die Stadt gekommen ist."