Wien. Die Anekdote über die 70-jährige Dame hat Ralf Aydt "sicher schon zehnmal erzählt", wie er sagt. "Es war unvergesslich", beginnt Aydt seine Geschichte. "Ich habe mit einer älteren Dame, die in einem Gemeinschaftswohnprojekt gelebt hat, geplaudert. Sie sagte, es gebe Streit, manchmal sei es nicht sauber und es sei schon anstrengend. Ich habe sie dann gefragt, warum sie nicht auszieht. Sie hat gemeint, sie sei ja nicht blöd. Alles andere, was sie bisher kennengelernt habe, sei nicht annähernd so gut."

Diese Qualität erwartet sich Aydt auch vom Zusammenleben im Wohnprojekt in Wien-Mauer. "Dass ich mehr davon habe, als dass es Stress ist. Ich erwarte mir unterm Strich Vorteile", so der Planer, Mitinitiator und Bewohner des Hauses. Aydt ist einer von 37 Erwachsenen, die im Herbst des Vorjahres in die Endresstraße 59c gezogen sind.

Das neu errichtete Wohnhaus offenbart hinter der Fassade Strukturen, die es in anderen Wohnhäusern nicht gibt. Es gibt Gemeinschaftsräume wie eine Gemeinschaftsküche, einen Veranstaltungssaal, der auch extern vermietet wird, einen sogenannten Stillen Raum für Yoga und Meditationen, ein Musikzimmer, eine Werkstätte, einen Salon, einen Kinderspielbereich, eine Gästewohnung sowie einen Garten und eine Terrasse, aber auch einen Lagerraum für die geplante Lebensmittelkooperative. Im Erdgeschoß befinden sich das Therapiezentrum mit sieben Räumen und die reformpädagogische Volksschule "Tankstelle".

In der katholischen Privatschule mit ökumenischem Schwerpunkt werden derzeit 13 Kinder in einer Mehrstufenklasse unterrichtet. Ohne die Schule gäbe es kein Wohnprojekt und ohne Wohnprojekt keine Schule. "Die Schule wäre ohne das Wohnprojekt nicht finanzierbar gewesen", erzählt Aydt. "Anfangs waren wir sechs Leute, die ein Konzept und eine Planung erstellt haben. Und dann haben wir die Gruppe entwickelt. Das hat ein paar Jahre gedauert."

Abkehr vom Wohnen
in Einzelwohneinheiten


Der 2009 gegründete Verein "Gennesaret - Wohnen und Leben in Gemeinschaft" - derzeit wird ein neuer Namen für das Wohnprojekt gesucht - ist Eigentümer und auch Verwalter des Hauses. "Man kann sich das wie eine Genossenschaft vorstellen", erklärt Erich Ribolits. Der Bildungswissenschafter, der an der Universität Wien gelehrt hat und in seiner Pension noch Lehraufträge übernimmt, hat sich aus einem gesellschaftspolitischen Motiv heraus dem Gemeinschaftswohnprojekt angeschlossen.

"Wir sind aus sehr optimalen Wohnbedingungen hierhergezogen. Wir haben jetzt eine halb so große Wohnung und zahlen deutlich mehr. Aber ich bin in einem Alter, in dem man nachdenkt, wie es weiter geht. Und da fällt einem auf, dass das Leben in Einzelwohneinheiten nicht ganz optimal ist", meint Ribolits. Er möchte wissen, wie es ist, anders zu leben. "Wir denken seit Jahren darüber nach, ob es in einer veränderten Gesellschaft notwendig ist, dass Menschen auf eine andere Art und Weise zueinanderfinden. Und das wird hier zumindest ausprobiert. Wie gut es gelingt, das ist noch nicht geklärt", sagt er.

Es wären gute Ansätze, aber so was müsse sich entwickeln. Fest steht, es gibt einiges zu tun. "Es ist so, als würde man mit seiner Familie gemeinsam ein Haus bewohnen. Man teilt sich die Arbeit auf und jeder macht das, was er kann. Bevor ich hier eingezogen bin, hatte ich viel Zeit. Seit ich hier wohne, nicht mehr", lacht Erich Ribolits.

Die Motive der Bewohner seien sehr unterschiedlich. "Es gibt Menschen, die aus pragmatischen Gründen hier wohnen, weil sie Kinder haben und die Kinderbetreuung wesentlich einfacher unter solchen Bedingungen zu organisieren ist. Einige wiederum leben hier aus einem humanistischen oder christlichen Hintergrund. Andere, weil sie selbst in einem Wohnprojekt aufgewachsen sind", erzählt Ribolits.

Arbeitskreise treffen Entscheidungen


Für Veronika Karlhuber stellt das Wohnprojekt eine Perspektive im Alter dar. "Wir haben zuerst mit den Kindern, dann zu zweit in einer sehr großen Wohnung gelebt. Dann sind Freunde von uns, die sich getrennt haben, weggezogen. Ich habe bemerkt, was an Lebensqualität verloren geht, wenn man keine Freundschaften direkt vor Ort hat. Was noch hinzugekommen ist, dass ein Freund von uns erkrankt ist und alleine in seiner Wohnung gelebt hat. Dann habe ich mir gedacht, so möchte ich nicht leben. Es ist mir sehr wichtig, in einer Gemeinschaft zu sein, wo Menschen sich um einen kümmern", erzählt die Psychotherapeutin. Nachsatz: "In unserem philosophischen Arbeitskreis haben wird immer über das gute Leben diskutiert. Dann haben wir gesagt, jetzt hören wir auf zu reden, jetzt tun wir was und haben sehr schnell dieses Wohnprojekt gefunden."

Alles, was im Wohnprojekt in der Endresstraße gemeinsam organisiert wird - seien es die Gartenbepflanzung, notwendige Anschaffungen oder die Gestaltung des Alltagslebens - wird in Arbeitsgruppen besprochen. "Die Dinge sollen nicht über Mehrheiten, sondern über gemeinsame Gespräche geregelt werden", erklärt Erich Ribolits.