Wien. In den 1980er und 1990er Jahren, als die junge Generation noch nicht den ganzen Tag mit ihrem Smartphone verbrachte, hatten sie noch einen anderen Stellenwert: die Wiener Buchhandlungen. Es gab hunderte Läden, wo man stundenlang schmökern und lesen konnte. Dann kam der Vormarsch des Internets, der Online-Handel und Google. Die Folge: Hunderte Buchhandlungen mussten zusperren.

Es gibt mittlerweile in Wien ganze Bezirksteile ohne eine einzige Buchhandlung weit und breit. An ihre Stelle treten Onlinehändler und Kettengeschäfte, die gerade einmal Bestseller und ein paar Ratgeber im Sortiment haben und als literarische Mini-Versorger fungieren.

Ein Traditions-Geschäft am Wiener Stephansplatz, die Tyrolia-Buchhandlung, trotzte dieser Entwicklung. Sie schreibt jedes Jahr schwarze Zahlen und feiert heuer ihr stolzes 100 jähriges Jubiläum. Und das, obwohl in dem Gebäude am Stephansplatz 5 gleich zwei Buchhandlungen, die Dombuchhandlung und Tyrolia existieren, und das ist eine Seltenheit im deutschsprachigen Raum.

Darauf ist der Chef, Werner Riedmüller, der den Betrieb seit 1999 führt, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" besonders stolz. "Wissen Sie, ich bin seit 27 Jahren hier und in diesem Zeitraum haben sicherlich 20 Buchhandlungen in weniger als zehn Minuten Gehweite zugesperrt", sagt er etwas traurig. Sein Betrieb hat sich nur durch intensive Stammkundenpflege behaupten können.

Fokus auf Wien und Kinder


"Wir haben unsere Kompetenz sehr stark fokussiert auf Wien-Literatur und Kinderfachbücher", ergänzt er. Nachsatz: "Auf 105 Quadratmetern kann man einfach kein Vollsortiment führen."

Abgewimmelt wird aber trotzdem niemand. "Wenn wir ein Buch nicht haben und es auch nicht bestellen können, dann versuchen wir den Kunden nicht im Regen stehen zu lassen und schicken ihn zu Kollegen, die das Buch führen", so der 47-jährige Unternehmer. Gesprochen wird deutsch und englisch und zur Not tut es auch die Körpersprache. 15 Prozent seines Umsatzes macht er mit Groß- und Firmenkunden und Institutionen, den Rest erwirtschaftet er mit 85 Prozent Laufkundschaft.

Sein Stammkundenanteil von 80 Prozent sagt auch viel über die Seele der Firmenphilosophie aus. Die meisten Kunden werden, wie in einem Traditionsunternehmen beim Namen begrüßt, die Damen etwa mit ‚Gnädige Frau‘. Dies führt manchmal bei Touristen zu Irritationen.