Wien. "Ich erzähle euch jetzt noch schnell etwas über das Gelände hier, denn wenn wir in den Stallungen bei den Pferden sind, dann hört mir sowieso keiner mehr zu." Die Erwachsenen schmunzeln, die Kinder versuchen schon jetzt, einen Blick in den Stall zu erhaschen. Johann Krejci nimmt seinen Job als Tourguide ernst. Auch wenn er, wie er sagt, den Leuten dabei etwas über eine Institution erzählt, die es wohl nicht mehr ewig geben wird. Seit 1974 ist er für die Krieau tätig, seitdem sind die Besucherzahlen gesunken, das Publikum gealtert und das Gelände geschrumpft. Doch seine Liebe zur Sache hält ihn dort. Sehr zur Freude der Kinder, die jetzt endlich die Trabrennpferde mit ihren mitgebrachten Karotten füttern dürfen. Und zur Freude der Pferde über den nachmittäglichen Snack.

20.000 Besucher am Tag

1874 wurde der Wiener Trabrennbahn-Verein gegründet, vier Jahre später die Trabrennbahn eröffnet. Am Beginn des 20. Jahrhunderts war Österreich-Ungarn führend im Rennsport, das Geschäft blühte - zumindest bis in die 1960er Jahre. Ein Traberderby, das hochdotierte Jahrgangsrennen der vierjährigen Pferde, besuchten schon einmal 20.000 Leute. So viele kommen jetzt höchstens noch, wenn David Guetta auflegt. Die Tribünen wurden gebaut, renoviert, Flutlicht installiert. Der Wiener Trabrennverein war der reichste Verein Österreichs, er besaß Immobilien in der Innenstadt und sogar ein eigenes Gestüt. Man finanzierte sich über Pferdewetten, die direkt an der Bahn abgeschlossen wurden, hautnah dran an Sieg oder Verlust.

Kinder streicheln eines der Pferde. - © Diva Shukoor
Kinder streicheln eines der Pferde. - © Diva Shukoor

Doch dann kam die Zeit der Wettbüros. Rennen aus der ganzen Welt wurden übertragen und plötzlich konnten sich die Spieler aussuchen, ob sie nicht zum Beispiel auf ein französisches Rennen wetten wollten, auf ein Pferd, das ihnen vielleicht besser gefiel. Oder vielleicht überhaupt gar nicht mehr auf ein Pferderennen, sondern auf ein Tennismatch, ein Fußballspiel, oder sogar eine Präsidentenwahl. Niemand musste mehr in die Krieau fahren, um den Nervenkitzel zu erleben, einen Geldbetrag zu verlieren oder eben zu gewinnen. Und überhaupt konnte man ab 1986 auch einfach Lotto spielen.

Aus zwei bis drei Renntagen pro Woche wurden zwei bis drei pro Monat, aus 700 Pferden nur noch 100. Kleine Züchter hörten auf: Niemand will heutzutage mehr in ein Wiener Pferd investieren, wenn es ungewiss ist, wie lange die Trabrennbahn überhaupt noch existiert. Von den ehemals 1500 Besuchern pro Renntag kommen heute, wenn es hoch kommt, ein Drittel. Da bleiben dann auch die Sponsoren aus. "Sport ist Masse", sagt Johann Krejci. "Die haben wir heute nicht mehr."