Wien. Haben Sie an den wärmeren Frühlingstagen im Park reges Summen vermisst? Verirren sich weniger Mücken in die Wohnung? Zu guter Letzt noch eine Frage an alle Autobesitzer: Kleben auf Ihrer Windschutzscheibe um einiges weniger tote Insekten als früher? Diese und viele andere Beispiele und Vergleiche werden von Experten, Umweltschützern und anderen naturbesorgten Menschen immer wieder gerne herangezogen, um auf das seit Jahren voranschreitende Insektensterben aufmerksam zu machen.

Luftverschmutzung und fehlende Nahrung raffen erst Insekten dahin. Dann folgen Pflanzen, die nicht mehr bestäubt werden, und Vögel, die sich von den Wirbellosen ernähren. Auch die Lichtverschmutzung macht vielen nachtaktiven Insektenarten zu schaffen. Wien als größte und stetig wachsende Stadt der Republik müsste doch am stärksten von diesem Abwärtstrend betroffen sein, denn Beton verdrängt Bienen. Oder? Mitnichten, wirft Harald Gross ein.

Der Biologe ist als Naturschutzexperte in der Umweltabteilung (MA 22) der Stadt Wien tätig und glaubt nicht, dass Wien zur Insekten-Geisterstadt verkomme. Er betont jedoch, dass es sehr schwierig bis unmöglich sei, alle Insektenarten im urbanen Raum zu erfassen. "Die Forschung ist hierbei nicht sehr stark ausgeprägt, auch konkrete Zahlen zu allen Arten fehlen", räumt er ein. Es würden aber zur Verbesserung weitere Methoden entwickelt, etwa zur Beobachtung von Tagfaltern.

Fülle an Lebensräumen
in der Stadt

Auch dem einen oder anderen vermeintlichen Warnsignal will sich Gross nicht unbedingt anschließen. "Wenn Sie mit dem Auto langsam durch städtisches Gebiet fahren, kleben natürlich weniger Insekten auf der Windschutzscheibe", meint er.

Die Donau-Metropole verfüge jedenfalls über eine große Artenvielfalt. "Wien hat nur ein halbes Prozent der Gesamtfläche Österreichs, aber es kommen beispielsweise beinahe 80 Prozent aller heimischen Libellenarten in der Stadt vor", erläutert Gross. Auch 456 Wildbienen, 131 Tagfalter- und mehr als 2300 Nachtfalterarten wurden schon gesichtet. Weiters beherbergt die Stadt 83 Ameisen-, 28 Hummel-, mehr als 70 Heuschrecken- und etwa 450 verschiedene Spinnenarten. Letztere sind zwar keine Insekten, aber trotzdem wichtig für das Biosystem.

"Diese Aufzeichnungen sind jedoch im Verlauf einer 250-jährigen Geschichte entstanden, also sind mitunter nicht mehr alle Arten vorhanden, aber es kommen auch neue hinzu", merkt Gross an. "Voriges Jahr haben wir eine neue Libellenart entdeckt. Außerdem heißt es nicht, dass eine Art ausgestorben ist, nur weil sie nicht auffindbar ist."