Im Tiergarten wurden fortan acht Grenadiere damit beauftragt, den Menschenansturm unter Kontrolle zu halten, wie Christa Riedl-Dorn in ihrem Buch "Hohes Tier. Die Geschichte der ersten Giraffe in Schönbrunn" schreibt.

Dem verehrten Tier selbst ging es nicht besonders gut. Auf historischen Abbildungen ist es mit einer Fehlstellung an den Hinterbeinen zu sehen, die wohl auf die Belastungen während der Anreise zurückzuführen sind. Die Giraffe starb nach einem knappen Jahr am 20. Juni 1829 an "Abmagerung in Folge eines Knochenfraßes am Gelenkkopf des Hinterschenkels". Den arabischen Wärter Ali Sciobary dürfte das wenig gewundert haben, hatte man dem Tier doch nach der Trennung von ihm seinen Glücksbringer entfernt.

Von der Giraffentorte bis zum Giraffenhäferl

Dem "Giraffenfieber", das um sich griff, tat das aber keinen Abbruch, und der Kurzzeit-Gast beeinflusste Gesellschaft, Mode, Gastronomie, Kunst und Kultur. Der Beiname des persiflierenden Singspiels von Drechlser und Bäuerle sollte paradoxerweise wahr werden: "Alles à la Giraffe". Stoffe, Kleider, Taschen, Hüte, Handschuhe und Schmuckstücke wurden genauso mit Giraffenmotiven versehen wie Aschenbecher, Trinkgefäße, Glückwunschkarten und Tabaksbeutel - für Damen am besten zu kombinieren mit der "Frisur à la Giraffe": einer hochgesteckten Kopfpracht. Wer wollte, konnte in einer Parfümerie am Wiener Graben dazu den Duft "Esprit à la Giraffe" erwerben.

Im Café bestellte man Giraffentorte: eine Eier-Mandel-Masse, von der eine Hälfte mit Schokolade gefärbt wurde. Durch die abwechselnde Schichtung ergab sich ein Muster, das der Fellzeichnung des Namensgebers nachempfunden war. Dazu trank man "Café à la Giraffe": sozusagen ein doppelter Espresso, bei dem die Oberfläche durch Zugabe von Milch oder Schlagobers ebenfalls an das Giraffenfell erinnern sollte.

In Schönbrunn besorgte man sich erst relativ spät wieder Giraffen, die damals noch kaum zu bekommen waren: die zweite 1851. 1858 erfolgte dort die erste Giraffengeburt auf europäischem Festland. Der im Sudan lebende österreichische Offizier und Forschungsreisende Rudolf Freiherr von Slatin spendete 1901 drei Giraffen an den Tiergarten, woraufhin das Giraffenhaus modernisiert wurde. Im Ersten Weltkrieg kam es zu allgemeinen Versorgungsproblemen, denen auch die Giraffen zum Opfer fielen.

Nach Kriegsende wurde die Hilfsaktion zum Wiederaufbau des Schönbrunner Tiergartens gegründet. Aus ihren Mitteln wurde 1928 der von dem Wiener Bankier und Tiergartenfreund Alfred Weidholz aus Afrika mitgebrachte junge Giraffenbulle "Fritzl" angekauft: die erste Giraffe nach Kriegsende. Die Autorin Hermine Jossel schreibt in ihrem Buch "Im Schönbrunner Tiergarten" über die neue Giraffe: "Ihr Schönbrunner Aufenthalt scheint ihr sehr zu behagen, denn sie gedeiht vorzüglich und ist in der kurzen Zeit ihres Hierseins schon um ein mächtiges Stück gewachsen."