Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten Schönbrunn unterbrachte: die erste Giraffe in dem seit 1752 bestehenden Zoo.

Der junge Giraffenbulle wurde zunächst, auf den Rücken eines Kamels gebunden, vom Landesinneren des Sudans zum Nil gebracht und auf dem Fluss über Kairo bis nach Alexandria transportiert. Von dort ging es dann ab 30. März 1828 mit dem arabischen Wärter Ali Sciobary per Schiff übers Mittelmeer. Die nächste Station war Poveglia, eine Insel südlich von Venedig, wo sie am 27. April ankamen.

Ali Sciobary war wenig überrascht darüber, dass die Giraffe bei bester Gesundheit war, hatte er ihr doch ein Amulett in Form eines mit Kräutern und Papieren gefüllten Beutels umgehängt. Der Wärter selbst allerdings musste wegen einer Erkrankung in Venedig bleiben.

Nach einer 40-tägigen Quarantäne ging es abermals mit dem Schiff ins kroatische Rijeka. Ab dort ging es zu Fuß weiter. Der Bulle bekam Schnürschuhe, die das Vorankommen auf dem ungewohnten Boden erleichtern sollten. Bei täglich 15 bis 20 Kilometern kamen sie bis nach Karlovac, nahe der slowenischen Grenze. Dort wurde das Tier sichtbar müde, woraufhin ihm ein von Pferden gezogener Transportwagen gebaut wurde. Die Karawane zog über Zagreb und Sopron weiter, während der Hals der Giraffe aus dem Wagen ragte. Am 7. August kam der Tross in Wien an.

Das Giraffenfieber greift um sich

Für den neuen Gast war in Schönbrunn ein Tierhaus zur "Giraffenloge" umgebaut worden, in dem bis dahin Schwimm- und Stelzvögel gelebt hatten. Das exotische Geschenk sollte in der Residenzstadt nicht ohne Folgen bleiben. Die Giraffe, ein damals in Wien noch großteils unbekanntes Wesen, wurde zur Sensation, und das nicht nur im Tiergarten: Josef Kimmel, ein Penzinger Wirt, gab wenige Tage nach Ankunft einen "Giraffen-Ball". Zu hören waren eigens komponierte "Galoppes à Giraffe".

Doch sogar vor ihrer Ankunft war die Giraffe bereits Thema: Im Leopoldstädter Theater hatte am 9. Mai 1828 die Aufführung von "Die Giraffe in Wien (Alles à la Giraffe)" stattgefunden. Die Musik stammt von Joseph Drechsler, der Text vom Theaterdirektor Adolf Bäuerle. Inhalt war weniger Vorfreude auf das Tier, sondern die Belustigung über die Pariser, die schon vor Wien vom "Giraffenwahn" erfasst worden waren. Das Stück konnte allerdings keine großen Erfolge verbuchen - womöglich auch deshalb, weil die Wiener nicht anders reagierten als die Pariser.

Im Tiergarten wurden fortan acht Grenadiere damit beauftragt, den Menschenansturm unter Kontrolle zu halten, wie Christa Riedl-Dorn in ihrem Buch "Hohes Tier. Die Geschichte der ersten Giraffe in Schönbrunn" schreibt.

Dem verehrten Tier selbst ging es nicht besonders gut. Auf historischen Abbildungen ist es mit einer Fehlstellung an den Hinterbeinen zu sehen, die wohl auf die Belastungen während der Anreise zurückzuführen sind. Die Giraffe starb nach einem knappen Jahr am 20. Juni 1829 an "Abmagerung in Folge eines Knochenfraßes am Gelenkkopf des Hinterschenkels". Den arabischen Wärter Ali Sciobary dürfte das wenig gewundert haben, hatte man dem Tier doch nach der Trennung von ihm seinen Glücksbringer entfernt.

Von der Giraffentorte bis zum Giraffenhäferl

Dem "Giraffenfieber", das um sich griff, tat das aber keinen Abbruch, und der Kurzzeit-Gast beeinflusste Gesellschaft, Mode, Gastronomie, Kunst und Kultur. Der Beiname des persiflierenden Singspiels von Drechlser und Bäuerle sollte paradoxerweise wahr werden: "Alles à la Giraffe". Stoffe, Kleider, Taschen, Hüte, Handschuhe und Schmuckstücke wurden genauso mit Giraffenmotiven versehen wie Aschenbecher, Trinkgefäße, Glückwunschkarten und Tabaksbeutel - für Damen am besten zu kombinieren mit der "Frisur à la Giraffe": einer hochgesteckten Kopfpracht. Wer wollte, konnte in einer Parfümerie am Wiener Graben dazu den Duft "Esprit à la Giraffe" erwerben.

Im Café bestellte man Giraffentorte: eine Eier-Mandel-Masse, von der eine Hälfte mit Schokolade gefärbt wurde. Durch die abwechselnde Schichtung ergab sich ein Muster, das der Fellzeichnung des Namensgebers nachempfunden war. Dazu trank man "Café à la Giraffe": sozusagen ein doppelter Espresso, bei dem die Oberfläche durch Zugabe von Milch oder Schlagobers ebenfalls an das Giraffenfell erinnern sollte.

In Schönbrunn besorgte man sich erst relativ spät wieder Giraffen, die damals noch kaum zu bekommen waren: die zweite 1851. 1858 erfolgte dort die erste Giraffengeburt auf europäischem Festland. Der im Sudan lebende österreichische Offizier und Forschungsreisende Rudolf Freiherr von Slatin spendete 1901 drei Giraffen an den Tiergarten, woraufhin das Giraffenhaus modernisiert wurde. Im Ersten Weltkrieg kam es zu allgemeinen Versorgungsproblemen, denen auch die Giraffen zum Opfer fielen.

Nach Kriegsende wurde die Hilfsaktion zum Wiederaufbau des Schönbrunner Tiergartens gegründet. Aus ihren Mitteln wurde 1928 der von dem Wiener Bankier und Tiergartenfreund Alfred Weidholz aus Afrika mitgebrachte junge Giraffenbulle "Fritzl" angekauft: die erste Giraffe nach Kriegsende. Die Autorin Hermine Jossel schreibt in ihrem Buch "Im Schönbrunner Tiergarten" über die neue Giraffe: "Ihr Schönbrunner Aufenthalt scheint ihr sehr zu behagen, denn sie gedeiht vorzüglich und ist in der kurzen Zeit ihres Hierseins schon um ein mächtiges Stück gewachsen."

Mit den Giraffen auf Augenhöhe

Die eleganten Langhälse erfreuen sich nach wie vor großer Popularität, und erst 2017 wurde in Schönbrunn der neue Giraffenpark eröffnet. Als dessen Kernstück gilt ein lichtdurchfluteter Wintergarten, der an das Giraffenhaus - ein architektonisches Erbe des Biedermeier - gebaut wurde. Auf seinem Glasdach wurde eine Solaranlage installiert, die den gesamten Stromverbrauch der Anlage deckt.

Unter dem Wintergarten befindet sich zudem ein Schotterspeicher, der die Wärme vom Tag speichert und sie in der Nacht freigibt. Eine begehbare Galerie bringt die Besucher auf dieselbe Augenhöhe wie die langhalsigen Tiere: Das sind derzeit die beiden erst dreijährigen Halbschwestern Sofie und Fleur. Das mit der exakten Augenhöhe wird also noch ein paar Jahre dauern.

Hinzu kommen noch der alteingesessenen Giraffenbulle Kimbar, das Weibchen Carla und ihre Tochter Rita. Sie haben 2017 allerdings nicht den neuen Park bezogen, sondern ihr Zuhause im Außengehege am Rand des Geländes. "Kimbar ist mit 24 Jahren das zweitälteste Männchen im Zuchtprogramm. Wir wollen ihm in seinem hohen Alter keinen Transport und Umzug mehr zumuten", erklärte Tiergartendirektorin Dagmar Schratter.

Heute reisen Giraffen von Wien gen Süden

Besonders stolz ist man in Schönbrunn auf die neue Gesundheitsstation im sanierten historischen Gebäude aus dem Jahr 1828. Hier werden die Tiere Gesundheitschecks unterzogen, was auch der Beschäftigung dient.

Mittlerweile importiert Wien auch nicht mehr nur Giraffen, es exportiert sie auch. Erst vor zwei Jahren ist die Giraffe Lubango in einem vier Meter hohen Spezialanhänger nach Italien gereist. Lubango war im Juni 2013 im Tiergarten Schönbrunn zur Welt gekommen. Die neue Heimat des waschechten Wieners ist nun der Zoo von Neapel.