Kaum hat Piet den letzten Bissen von seinem Gulasch gemacht, kommt schon ein Mann, den sie "Bijou" nennen. Still räumt er Piets Teller weg. Er ist schon seit zehn Jahren im Vinzibett und wird voraussichtlich auch noch länger bleiben. Martin bezweifelt, dass er in einer anderen Einrichtung mit seinen "Stärken und Schwächen so akzeptiert wird, wie hier". Die Möglichkeit, dass er eines Tages eigenständig eine Wohnung bezieht, zieht Martin gar nicht in Betracht.

Bijou heißt eigentlich Ilie. Er hat mit dem Vinzibett einen Platz gefunden, der ihm mehr bietet, als alles andere in seinem Leben bisher. Der 37-jährge kommt aus Rumänien. Es fällt ihm schwer seine Motivation zu erklären, warum er die Heimat verlassen hat. Während er überlegt, wendet er den Blick ab. Hin und wieder schaut er misstrauisch um sich. Er reibt sich mit zwei Fingern über die Stirn, die Augen werden glasig. Nach einer langen Pause nimmt er schließlich einen Stift und hält ihn ostentativ in die Höhe. "In Rumänien hatte ich nicht mal das hier", sagt er.

Bijou ist in einem rumänischen Kinderheim aufgewachsen. Sichtlich aufgewühlt, will er nicht mehr erzählen. Die Berichte der schrecklichen Zustände in rumänischen Kinderheimen in der damaligen Zeit lassen ahnen, was ihm widerfahren ist. Die Bilder von ausgehungerten, verprügelten und verwahrlosten Kindern gingen um die Welt. Nach seinen Zukunftsplänen gefragt, findet Bijou lange keine Antwort. "Schwere Frage", murmelt er immer wieder. "Arbeit. Gesund bleiben. Familie", sagt er schließlich, aber ohne Hoffnung. Es klingt bei ihm eher wie ein fantastischer Traum.

Der Traum vom Neuanfang

Ein älterer Mann namens Witold geht immer wieder am Esstisch vorbei in die Küche. Er ist der Koch des Vinzibetts und wohnt ebenfalls hier. Er sieht aus als hätte er gute Chancen, bald wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Witold hat vor mehr als 30 Jahren ein Diplom für Grafikdesign und Malerei an einer Hochschule in Polen absolviert. Er arbeitete fortan in Deutschland und Österreich unter anderem als Fotograf, Grafikdesigner und Creative Director. In Österreich lebte er mit seiner Freundin und seinen zwei Kindern in einem Haus. Doch dann kam die Trennung. Nachdem er das Haus verkauft hatte, mietete er sich in Wien eine Wohnung und stürzte sich in die Arbeit. Als diese Wohnung den Eigentümer wechselte, änderte sich alles schlagartig: Witold, der als Selbstständiger unregelmäßiges Gehalt erhielt, zahlte oft nicht gleich am Monatsanfang die fällige Miete. Grund genug für den neuen Besitzer, ihn aus der Wohnung zu werfen. Um diese kämpfen wollte er nicht - und vermochte es wohl auch nicht. Witold erlitt ein Burnout. "Alles, was ich damals noch machen wollte, war rauchen, rauchen und rauchen", sagt er. Über Umwege landete er schließlich vor drei Jahren im Vinzibett. Witold rappelte sich auf und begann wieder zu arbeiten. Vergangenes Jahr traf ihn jedoch ein Herzinfarkt. Nun arbeitet er in der Küche des Hauses und ist sogar geringfügig angestellt. Witold träumt davon, mit eigener Wohnung seine Arbeit als Fotograf wiederaufzunehmen. "Im Kopf bin ich schon weg, mit dem Körper bin ich jedoch noch hier", sagt er dazu.