Bei den Stadtgärtner hat aber vor einiger Zeit ein Umdenken eingesetzt: "Die MA 42 hat ein Stadtbaumsortiment mit internationalen Experten ausgearbeitet, das laufend evaluiert wird", erklärt deren Sprecherin Gabriele Thon. "So werden Bäume, die am Ende ihres Lebenszyklus angekommen sind, durch geeignetere Baumarten und -sorten ersetzt." Inzwischen werden etwa Zürgelbäume anstelle von Ahornbäumen gepflanzt.

Boku-Experte Lexer meint dazu: "Der Zürgelbaum ist ein klassischer Einspringer, der ist von Nordafrika bis Asien heimisch und sehr viel trockenheitstoleranter als unsere heimischen Arten." Allerdings ist er wiederum anfällig für Frostschäden, "aber in Wien sind die echten Frosttage im Jahr mittlerweile an einer Hand abzuzählen, das sollte also ein geringeres Problem darstellen, zumal die Winter künftig noch milder werden dürften".

In der urbanen Steinwüste

Durch die dichte Verbauung und die versiegelten Böden ist Wien jedenfalls aus Pflanzensicht eine Steinwüste, die sich im Sommer aufheizt. "Ein Stadtbaum steht in der Regel für sich alleine, und der Standort unterscheidet sich auch in den allermeisten Fällen ganz dramatisch von einem ‚natürlichen‘ Waldstandort. Man kann sich denken, wie das Wurzelwerks in diesem verdichteten Boden aussieht. Das sind echt extreme Bedingungen, vor allem vom Wasserhaushalt her." Zumindest Rasenflächen oder ein halbwegs natürliches Substrat würden schon helfen, weil sie Wasser speichern - ein Luxus, den allerdings die wenigsten Stadtbäume haben.

Immerhin bekommen die Jungbäume in Wien viel Wasser. "Bei neuen Anlagen wird eine Bewässerung mit eingeplant beziehungsweise werden Bewässerungsstutzen je Baumscheibe errichtet", erklärt Thon. "Bestehenden Baumscheiben für Jungbäume wurden mit Wassersäcken nachgerüstet." Außerdem soll ein Stammanstrich die Jungbäume vor Sonnenschäden schützen. Ein Baum ernähre sich nach rund fünf Jahren am Standplatz selbst, so Thon. Sie liefert auch ein paar Zahlen zur wichtigen Rolle, die die rund 480.000 Straßen- und Parkbäume in Wien spielen: "Ein ausgewachsener Stadtbaum spendet bis zu 150 Quadratmeter Schatten, kühlt seine Umgebung im Sommer um bis zu 3 Grad und verdunstet gut 400 Liter Wasser pro Tag." An einem Sommertag nimmt er 18 Kilo CO2 auf und produziert 13 Kilo Sauerstoff - und er dämpft nicht nur Lärm und Wind, sondern bindet auch bis zu einer Tonne Staub pro Jahr.

Mehr Vielfalt wäre gefragt

"Was in Wien ein bisschen fehlt, ist die Vielfalt", stellt Amersberger fest und empfiehlt den Stadtgärtner mehr Experimentierfreude. "Man sollte sich nicht auf ein paar wenige Arten beschränken." Der laut dem Botaniker "unheimlich trockenheitsresistente" Judasbaum zum Beispiel wäre vor allem für enge Gassen geeignet, weil er sich gut zurechtschneiden lässt und mit dann kleiner Krone wenig Licht mitnimmt. Als Straßenbaum neben dem Zürgelbaum empfiehlt er die Mannaesche, die Blasenesche, den Glanz-Liguster, den Japanischen Schnurbaum oder auch den bereits erwähnten Paternosterbaum. Als "wunderbare Sommerblüher" nennt er Kreppmyrthen oder Straucheibisch, "und gerade im 21. oder 22. Bezirk wären Seiden- und Mandelbäume im locker verbauten Gebiet sehr sinnvoll". In den Parks würde sich Amersberger mehr Judasbäume, Libanonzedern oder Mittelmeerzypressen wünschen. "Das sind seit Jahrzehnten und zum Teil sogar seit Jahrhunderten bewährte Bäume."