Mit Kabarett wird heuer die Wienwoche eröffnet. - © Wienwoche
Mit Kabarett wird heuer die Wienwoche eröffnet. - © Wienwoche

Wien. "Entschuldigen! Bitte! Wo Thalia Straße?" So beginnt der Sketch "Tschusch Tschusch" von Lukas Resetarits, ein Dialog zwischen einem kroatischen und türkischen Gastarbeiter.

Wo überzeichnete Akzente und Stereotypen aber ein Vehikel für die satirische Auseinandersetzung mit den Vorurteilen "echter Wiener" gegen Gastarbeiter waren, geht der Trend mittlerweile zu Humor auf Kosten von Minderheiten oder Unterschieden - beispielsweise zwischen Männern und Frauen, Hetero- und Homosexuellen. Viele sehen dies im Hinblick auf die Marginalisierung von Minderheiten kritisch, so auch Ilona Toller und Rowan Tallis, alias "Tolerant Alice".

Unterhalten statt belehren


Das Comedy-Duo ist über die Bewegung des "Politically Correct Comedy Clubs", der sich vor eineinhalb Jahren in Wien gebildet hat, zum Kabarett gekommen. Unter dem Motto "Schlag nach oben, tritt nicht hinunter" fokussieren sie sich auf aktivistische und politische Satire, die mehr die Regierenden und das System sowie Vorurteile anstatt einzelne Personen oder Gruppen angreift. Da geht es dann um unfaire Arbeitgeber, Diskriminierungen oder gekürzte Mindestsicherungen.

Beide sehen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" Parallelen zur österreichischen und insbesondere Wiener Kabarett-Tradition. Dort hätte politische Satire schon seit jeher den Vorrang vor Minderheitenwitzen gehabt. Von Nestroy bis Niavarani war und ist Humor Mittel zu Kritik und Aktionismus.

"Ich kann etwas sehr Ernstes oder Kritisches ansprechen und immer noch in einen Witz verpacken. Die Pointe ist dann meist, was wir kritisieren", betont Toller. "Insbesondere, wenn es um politischen Aktivismus geht, hören die Leute oft nicht zu, wenn man sie von oben herab belehren will. Sie wollen lieber unterhalten werden", sagt sie.

Im kabarettistischen Kontext seien kritische Themen viel leichter verdaulich. "Außerdem fühle ich mich weniger, als würde ich herablassend agieren", fügt Toller an. "Man gewinnt die Leute nicht für sich, indem man streitet. Wenn sie mit dir lachen, wollen sie hingegen auf deiner Seite sein", erklärt Rowan Tallis.

Viel Selbstironie


Außerdem betonen beide, dass im Kabarett die Grenzen zwischen Künstlern und Publikum von vorneherein aufgeweicht sind. "Einerseits ist man auf der Bühne in einer Machtposition, andererseits ist man direkt vom Publikum abhängig", so Ilona Toller. "Selbstironischer Humor hilft dem Publikum dabei, sich mit dir zu identifizieren. Dann kannst du deinen Standpunkt viel besser rüberbringen", meint Rowan Tallis.

Politische Satire kommt bei "Tolerant Alice" daher auch nicht ohne Seitenhiebe auf die eigene Aktivistenszene aus. "Wir machen uns oft selbst über uns lustig oder zeigen unsere eigenen Schwächen auf. Beispielsweise wollen wir eigentlich wie jeder nur andere von unseren Ansichten überzeugen. Mit der gegenseitigen Bestätigung unserer Standpunkte in der Szene geht aber das Gefühl einher, alles besser zu wissen - aber verdammt nochmal, das tun wir nicht", meint sie lachend.

Am interessantesten finden sie es, vor einem Publikum mit konträren Meinungen zu der ihren zu spielen und Gemeinsamkeiten zu finden, meint Toller. "Die Menschen haben verschiedene Hintergründe und Lebensumstände, die ihre Ansichten prägen. Ich will diese lieber verstehen, als mich darüber lustig zu machen", sagt sie. Meist würden beide Seiten in einer Diskussion die Standpunkte des anderen zu schnell pauschal abwerten.

"Man gibt im Kabarett auch immer viel von sich selbst Preis, man macht sich verletzlich. Beispielsweise wenn ich von meinem Leben als queere Frau in einer Großstadt erzähle. So wird man aber auch menschlicher und die Leute können sich auch in einen selbst hineinversetzen und du bringst sie dazu, über deinen Standpunkt nachzudenken, beispielsweise was das Recht zu heiraten anbelangt", meint Toller.

Eröffnung der Wienwoche


Toller und Tallis sehen Comedy daher als perfektes Diskussionsmittel für Aktivisten. Es gab bereits einen eigenen Workshop, geleitet von der Performerin Jet Moon, in dem Mitgliedern verschiedener Organisationen das Handwerkszeug des Kabaretts beigebracht wurde. Im Rahmen der Wienwoche werden die Workshopteilnehmer heute, Freitag, um 20 Uhr in der Nordbahnhalle beim Wasserturm unter dem Titel "ACAB - Activist Comedy Against Bullshit" auftreten. Zusätzlich sind ein Mini-Workshop am Samstag und eine Open-Mic-Night am kommenden Dienstag geplant, jeweils im "Lazy Life" in der Burggasse.