Wien. "Heute zeige ich euch, wie ihr euch perfekt die Lippen schminkt - und mit den alten Farben aus der Vorsaison die besten Graffitis für feministischen und antikapitalistischen Protest macht!" Den zweiten Teil dieses Satzes würde man wohl nie in einem Schmink- oder Beauty-Tutorial hören.

Auf der Videoplattform YouTube und anderen Sozialen Netzwerken sind an Frauen gerichtete Hilfs- und Anleitungsvideos zu Themen wie dem perfekten Lidstrich, dem passenden Party-Outfit oder der besten Low-Carb-Diät allgegenwärtig. Aktionismus-Tipps für Frauen über 40 hingegen sind beispielsweise eine noch unbediente Nische - bis jetzt zumindest. Denn das Projekt "Anonyme Ältere Aktionistinnen", kurz "AAA!", hat eine Reihe von Tutorial-Videos produziert, in denen Frauen - nicht nur jenseits der 40 - statt Verhaltensnormen und Make-up-Kniffen gezeigt wird, wie sie sich subtil und auch als Einzelne politisch engagieren und ein Stück ihres Platzes im öffentlichen Raum zurückholen oder Zeichen setzen können.

In spielerischer Anlehnung an den Namen der Anonymen Alkoholiker (AA) stellt das Projekt vorrangig eine Selbsthilfegruppe für Frauen jenseits der 40 dar, die sich im öffentlichen Raum behaupten und auch künstlerisch aktiv sein wollen. Dabei bricht das Projekt auch mit gängigen Klischees, dass es sich bei Frauen jenseits der 40 um "unattraktive Witzfiguren, die wenig handlungsfähig, gern hysterisch, aber im Großen und Ganzen ungefährlich sind", handle.

Online und offline zurückgedrängt


Der Name ist auch eine gewisse Art von Aufschrei. "Es ist offen, wie man den Projektnamen ausspricht. Im Ankündigungsvideo haben wir einfach laut ,Aaa!‘ geschrien", erzählt die Künstlerin und Projektinitiatorin Amina Handke im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Das Festhalten verschiedener Aktionen auf Video und die Aufbereitung mit Lehrmittelcharakter auf YouTube wurden als bewusster Kontrast zu auf der Plattform vorherrschenden Schmink- und Beauty-Tutorials samt der von ihnen verbreiteten Normen gewählt. Dahingehend sieht Handke das Internet und vor allem die Sozialen Medien als gute Analogie zum öffentlichen Raum. Denn in beiden Bereichen würden vor allem Frauen jenseits der 30 und 40 zurückgedrängt, ihre Rolle und Spielräume eingeschränkt.

"Es gibt genug Regeln, wie wir uns benehmen oder aussehen sollen, dass wir ruhiger sein sollen. Solche Beschränkungen gibt es auch zuhauf in den Sozialen Medien. Während dort Gewalt und Hass oft geduldet oder unzureichend bekämpft werden, wird rigoros gegen viele Formen von Nacktheit vorgegangen oder gegen harmlose Dinge wie das Zeigen von Schamhaar", gibt sie zu bedenken. Auch bei Brustwarzen, Fotos von Schwangeren oder Müttern kurz nach der Geburt schlagen die Filtermechanismen von Plattformen wie Facebook und Instagram rigoros zu. Dieses Vorgehen wurde oft als Zensur und Tabuisierung natürlicher Vorgänge wie der Geburt kritisiert.