Einer der letzten übriggebliebenen Reste des Linienwalls an der Wiener Schnellbahn beim Landstraßer Gürtel. - © Archiv
Einer der letzten übriggebliebenen Reste des Linienwalls an der Wiener Schnellbahn beim Landstraßer Gürtel. - © Archiv

Wien. "Die Stadt gehört dir." Mit diesem Spruch werben die Wiener Linien seit Jahren. Tomash Schoiswohl sieht diese Aussage aber durchaus kritisch. Er sieht die großen Wiener Verkehrsknotenpunkte eher als Verlust öffentlichen Raums, als Grenzziehungen. Dabei wird beispielsweise der neue Westbahnhof oft als Beispiel für eine gelungene Grenzaufweichung zwischen innerer und äußerer Mariahilfer Straße genannt.

"Die Bahnhöfe sind vor allem Shoppingcenter mit Hausordnungen, in denen die Ladenbesitzer das Sagen haben", kritisiert er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Zugänglichkeit des öffentlichen Raums werde eingeschränkt, nicht zuletzt auch durch Büro- und Wohngebäude, mit denen beispielsweise das Areal um den Hauptbahnhof im Zuge des Neubaus gespickt wurde. "Das ist alles Ausdruck einer sehr unternehmerischen Stadtplanung, die antidemokratisch ist und Räume tendenziell einer vielfältigen Nutzung entzieht", ist er überzeugt.

Schutzwall und Steuergrenze

Ein ähnliches Schicksal könnte auch dem Matzleinsdorferplatz drohen, wie eine Bürgerinitiative befürchtet. Der Platz wird nämlich im Zuge der U2-Verlängerung zum Verkehrsknotenpunkt ausgebaut. Die Stadt jedenfalls betont, dass das Areal zu einem belebten Stadtteil werden solle. Kritiker fürchten private Investorenprojekte statt einer kulturellen und offenen Gestaltung des Platzes. "Die Ausgänge und Wege sollten so angelegt werden, um den Übergang zwischen 5. und 10. Bezirk zu erleichtern oder auch den Waldmüllerpark anzubinden", betont Schoiswohl. Immerhin war der Matzleinsdorferplatz bereits vor Jahrhunderten ein Grenzpunkt - an seiner Stelle ständ nämlich ein Tor des ehemaligen Wiener Linienwalls.

Der insgesamt 13,5 Kilometer lange, vier Meter breite und vier Meter hohe Erdwall wurde 1704 innerhalb von nur vier Monaten erbaut. Das konnte nur bewerkstelligt werden, indem alle Bewohner der Vorstädte zwischen 18 und 60 Jahren zum Bau eingeteilt wurden oder einen Vertreter stellen mussten. "Vordergründig wurde der Linienwall als Schutz der Stadtbevölkerung vor den Osmanen und aufständischen ungarischen Kuruzen ausgegeben", erzählt Schoiswohl. Als Letztere im Juni 1704 aber bei St. Marx auftauchten, zogen sie angesichts der mit Bürgerwehren besetzten Befestigungen einfach weiter.

Trotzdem wurde der Wall 1738 zusätzlich mit Ziegeln ausgemauert. Der Linienwall musste sich aber nie wirklich als Verteidigungswerk bewähren. Er diente nur einmal während des Oktoberaufstands 1848 als Schutz. Damals hatten aufständische Truppen, Wiener Arbeiter und Studenten Wien besetzt, um den Abzug der kaiserlichen Truppen gegen die Ungarn zu sabotieren.